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Sphinx

Sphinx · Rätselwächter — Mensch-Löwen-Hybride

Die Sphinx (griechisch Sphinx, agyptisch shesep-ankh) ist ein mythisches Mischwesen mit menschlichem Kopf und Lowenleib, das in zwei parallelen Traditionen erwachsen ist. Die agyptische Sphinx ist meist eine flugellose Mannergestalt mit Pharaonenhaupt und dient als Wachter von Tempeln und Grabern; das beruhmteste Beispiel ist die Grosse Sphinx von Gizeh (73 m lang, 20 m hoch), aus einem einzigen Kalksteinblock unter Pharao Chephren um 2530 v. Chr. herausgearbeitet. Die griechische Sphinx hingegen ist ein geflugeltes weibliches Wesen von wilder Art, das vor Theben in Boeotien hauste und Reisende verschlang, wenn sie ihr Ratsel nicht losten. Als Odipus auf das Ratsel 'Was geht am Morgen auf vier, am Mittag auf zwei, am Abend auf drei Beinen?' mit 'der Mensch' antwortete, sturzte sich die Sphinx vom Felsen. So vereint die Sphinx aus agyptisch-griechischer Synthese Weisheit und Drohung, Schutz und Gefahr.

Ursprung

Das fruheste agyptische Sphinxbild ist die Grosse Sphinx von Gizeh, dem Pharao Chephren der vierten Dynastie zugeschrieben (um 2530 v. Chr.). Im Neuen Reich verzweigt sich der Typus in Androsphinx (Menschenkopf), Kriosphinx (Widderkopf, dem Amun zugeordnet) und Hierakosphinx (Falkenkopf, dem Horus zugeordnet). Zwischen Karnak und Luxor saumte die etwa drei Kilometer lange Sphingenallee hunderte solcher Wesen. In Griechenland erscheint die Sphinx erstmals in Hesiods Theogonie, Verse 326-329, als Tochter von Orthros und Chimaira (oder Echidna). Die kanonische Odipus-Erzaehlung steht in der Bibliotheke des pseudo-Apollodor III.5.8. Der fruheste schriftliche Wortlaut des Ratsels findet sich in Euripides' Phoinissai 1024-1054. Diodorus Siculus IV.64, Pausanias IX.26.3 und Hygins Fabulae 67 erganzen die Tradition. Griechisch sphinx geht laut Etymologicum Magnum auf sphingein, 'wurgen, binden', zuruck.

Merkmale

  • Menschlicher Kopf (oft Pharao oder Frau) auf Lowenleib
  • Agyptische Form flugellos und mannlich; griechische Form geflugelt und weiblich
  • Wachter von Tempeln, Grabern und koniglichen Bezirken
  • Pruferin der Sterblichen durch Ratsel und Urteil
  • Doppelgesichtig: Schutz und Bedrohung zugleich
  • Steht an Schwellen, Toren, Strassen und Grenzen

Geschichten

In Agypten gehorte die Sphinx zur Konigsikonografie und stand vor Tempelpylonen, Pyramidenbezirken und den Prozessionsstrassen von Luxor und Karnak. Hatschepsut liess Sphinxe mit ihrem eigenen weiblich-pharaonischen Antlitz schaffen; Thutmosis IV. liess die Traumstele aufstellen, in der die Grosse Sphinx ihm das Konigtum verspricht; aus der Zeit Amenophis III. stammen die Sphinxe von Memphis. In Griechenland fixiert sich die Ikonografie auf den Odipus-Mythos und uberdauert auf attischen Vasen und boeotischen Reliefs. Der Neoklassizismus brachte Ingres' Odipus und die Sphinx (1808), der Symbolismus Gustave Moreaus Meisterwerk (1864); Oscar Wilde veroffentlichte 1894 sein Langgedicht The Sphinx. In moderner Popkultur reicht der Faden von Edgar Allan Poes Erzaehlung The Sphinx (1846) bis zu J. K. Rowlings Harry Potter und der Feuerkelch (2000).

Schwäche

Die entscheidende Schwaeche der griechischen Sphinx liegt im Geloest-Werden ihres Ratsels. Bei pseudo-Apollodor stuerzt die Sphinx, sobald Odipus mit 'der Mensch' antwortet, von ihrem Sitz zu Tode. Eine Nebenvariante kennt ein zweites Ratsel, 'Zwei Schwestern, von derselben Mutter geboren, gebaeren einander' (Antwort: Tag und Nacht); wenn beide geloest sind, vergeht die Sphinx. Die agyptische Sphinx leidet weniger an mythischen als an physischen Verletzlichkeiten: die Nase der Grossen Sphinx wurde vom Sufi-Eiferer Sa'im al-Dahr im 14. Jahrhundert zerschlagen, wie al-Maqrizi im 15. Jahrhundert berichtet. Die Legende vom Beschuss durch Napoleons Truppen wird durch Frederic Louis Nordens Zeichnungen von 1737 widerlegt, die die Sphinx bereits nasenlos zeigen.

Kulturelle Bedeutung

Die agyptische Sphinx, eins mit dem Sonnengott Re-Harmachis, war ein Embleme der heiligen Konigsgewalt und des Schutzes; die griechische Sphinx wurde das Sinnbild der Pruefung, des Schicksals, des zu loesenden Raetsels. Beide Traditionen treffen sich in europaeischer Kunst seit der Renaissance: die geflugelten weiblichen Sphinxe von Versailles, die Ramses-II.-Sphinxe an der Newa-Promenade in St. Petersburg (1832 verbracht) und die freimaurerische Ikonografie des 18. Jahrhunderts. In der Psychoanalyse macht Freud das Sphinx-Ratsel zur Urszene der Ich-Bildung im Odipuskomplex. Hegels Aesthetik liest die Sphinx als Symbol des Uebergangs von Orient zu Okzident, von Natur zur Selbsterkenntnis. In der Gegenwart lebt die Sphinx fort in Harry Potters Trimagischem Turnier, in Edgar Allan Poes Erzaehlung, in Ralph Waldo Emersons Gedicht von 1841 und im weltweiten Tourismus-Image des Gizeh-Plateaus.

In der Popkultur

Grosse Sphinx von Gizeh — Chephren, 4. Dynastie, um 2530 v. Chr.Hesiod, Theogonie 326-329 — Tochter von Orthros und Chimaira (oder Echidna)Pseudo-Apollodor, Bibliotheke III.5.8 — kanonische Erzaehlung von Odipus und SphinxEuripides, Phoinissai 1024-1054 — fruehester schriftlicher Wortlaut des RatselsHygin, Fabulae 67 und Pausanias, Beschreibung Griechenlands IX.26.3Ingres, Odipus und die Sphinx (1808) und Gustave Moreau, Odipus und die Sphinx (1864)J. K. Rowling, Harry Potter und der Feuerkelch (2000) — die Sphinx im Trimagischen Turnier

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