
Nemeischer Löwe
Nemeanischer Löwe · Unsterbliche Bestie — Legendäres Wesen der griechischen Mythologie
Der Nemeische Loewe (griechisch Leon Nemeios) ist in der griechischen Mythologie der riesige goldene Loewe, der das Tal von Nemea im nordoestlichen Peloponnes bewohnte und das Ziel der ersten der zwoelf Arbeiten des Herakles war. Nach Hesiods Theogonie ist er Sohn des Typhon und der Echidna (oder des Orthros und der Chimaira); eine Nebenvariante laesst die Mondgoettin Selene ihn vom Himmel fallen. Sein bestimmendes Merkmal war ein Fell, das keine Bronze- oder Eisenwaffe durchdringen konnte. Herakles versuchte vergebens Pfeil, Schwert und Keule, trieb den Loewen in eine Hoehle mit zwei Eingaengen, verschloss einen davon und erwuergte das Tier mit blossen Haenden. Auch zum Abziehen des Fells half keine Klinge; nur die eigenen Krallen des Loewen vermochten die Haut zu durchtrennen, ein Rat, den ihm Athena gab. Herakles trug das Fell sein Leben lang als Mantel, mit dem Schaedel als Helm: das Loewenfell wurde sein wirksamster ikonografischer Marker.
Ursprung
Die fruheste literarische Erwaehnung steht in Hesiods Theogonie 326-332 (achtes Jahrhundert v. Chr.), wo der Loewe als Spross des Orthros und der Chimaira (oder Echidna) erscheint, Geschwister von Kerberos, Hydra und Sphinx, von Hera nach Nemea gesandt, um Herakles auf die Probe zu stellen. Die kanonische Erzaehlung der ersten Arbeit steht in der Bibliotheke des pseudo-Apollodor II.5.1 (erstes bis zweites Jahrhundert n. Chr.), die die Hoehle mit zwei Maeulern, Athenas Rat, die Erwuergung mit blossen Haenden, das Abhaeuten mit den Krallen des Loewen und die Uebergabe des Fells an Koenig Eurystheus in Mykene festschreibt. Diodorus Siculus IV.11.3-4, Hygins Fabulae 30, Pausanias II.15.2-3 und Theokrits Idylle XXV (in der Herakles selbst die Schlacht erzaehlt) entfalten die Tradition. Im Tal von Nemea stand ein Zeustempel, und die 573 v. Chr. gegruendeten panhellenischen Nemeischen Spiele waren rituell mit dem Mythos verbunden.
Merkmale
- Riesiger, golden schimmernder Loewenleib
- Fell, undurchdringlich fuer jede Bronze- oder Eisenwaffe
- Das Fell kann nur mit den eigenen Krallen des Loewen geschnitten werden
- Nebenvariante: Selene, die Mondgoettin, lasst es vom Himmel fallen
- Lebt in einer Hoehle mit zwei Eingaengen im Tal von Nemea
- Sein Bruellen allein schreckt die umliegenden Doerfer und ihre Herden
Geschichten
Der Nemeische Loewe ist der ikonische Gegner der ersten Arbeit und seit dem sechsten Jahrhundert v. Chr. fester Bestandteil der griechischen Kunst. Schwarz- und rotfigurige Vasen, die Metopen der Heraklestempel, pompejanische Wandgemaelde und roemische Sarkophage zeigen wiederholt den Helden, der den Loewen mit blossen Haenden erwurgt. Unter den Sternbildern wird Leo auf der Ekliptik im Almagest des Ptolemaios und in der modernen Liste der IAU als der Nemeische Loewe gedeutet. Das Loewenfell wurde zum Erkennungszeichen des Helden im Farnesischen Herkules, in Annibale Carraccis Galleria Farnese (1597-1608), in den Heraklesbildern von Peter Paul Rubens (1639) und in zahllosen spaeteren Werken. Der koenigliche Loewe Englands, das Emblem der englischen Rugby-Nationalmannschaft und Disneys Hercules-Film von 1997 schoepfen aus dieser Ikonografie.
Schwäche
Das undurchdringliche Fell war zugleich die hoechste Staerke des Loewen und seine mythische Schwaeche. Nach pseudo-Apollodor versagten Pfeil, Schwert und Keule des Herakles; der Held verschloss einen Eingang der zweimuendigen Hoehle und erwuergte das Tier im Nahkampf. Zum Abziehen half kein Stahl; Athena riet dem Helden, die Krallen des Loewen selbst zu nehmen, das einzige Material, hart genug, das Fell zu durchtrennen. Die definitive Schwaeche des Nemeischen Loewen liegt also nicht in einer Waffe, sondern in koerperlicher Staerke und Klugheit zugleich, eine der moralisch klarsten Auspraegungen des griechischen Heldenpruefungsmusters.
Kulturelle Bedeutung
Das Loewenfell ist das einzelne unverwechselbare Attribut des Herakles in der griechischen und roemischen Kunst, das visuelle Mal, das ihn von jedem anderen Helden unterscheidet. Schaedel als Helm und Pelz als Mantel: diese Ikonografie zieht sich von attischen Vasen ueber den hellenistisch-roemischen Farnesischen Herkules zur Galleria Farnese von Annibale Carracci, zu den Heraklesbildern von Rubens und in die moderne Rezeption. In der Astronomie wird das Sternbild Loewe als die posthume Gestalt des Loewen gelesen; in der Heraldik fuehren der englische und schottische koenigliche Loewe, das Wappen der englischen Rugby-Nationalmannschaft und viele mittelalterliche und moderne Wappen zum Nemeischen Archetyp zurueck. Disneys Hercules-Film von 1997 und die Spieleserie God of War machen den Loewen zum ikonischen ersten Boss.
In der Popkultur
Hesiod, Theogonie 326-332 (8. Jh. v. Chr.) — Spross des Orthros und der Chimaira, in Nemea ausgesetztPseudo-Apollodor, Bibliotheke II.5.1 (1.-2. Jh. n. Chr.) — kanonische erste ArbeitDiodorus Siculus IV.11.3-4 und Hygin, Fabulae 30 — vollstaendige Ausgestaltung des KampfesTheokrit, Idylle XXV — Herakles in erster Person erzaehlt den KampfPausanias, Beschreibung Griechenlands II.15.2-3 — Lokalisierung der LoewenhoehleFarnesischer Herkules (hellenistisch-roemische Kopie, Neapel) — Skulpturkanon des LoewenfellsAnnibale Carracci, Galleria Farnese (1597-1608) — Nemeischer Loewe in der barocken Ikonografie
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