
Monoceros
Monoceros · Einhorn — Legendäres einhörniges Wesen
Der Monoceros (griechisch Monokeros, lateinisch Monoceros, 'Einhorn') ist der Urtyp des einhoernigen Tieres in der griechisch-roemischen Naturgeschichte. Sein Name verbindet griechisch mono (eins) und keros (Horn). Er erscheint zuerst im Indika des Ktesias von Knidos im fuenften Jahrhundert v. Chr., der ihn als wildes Eselchen Indiens beschreibt mit weissem Leib, purpurnem Kopf, blauen Augen und einem Horn von etwa einer Elle, in den Farben Weiss, Schwarz und Karmesin gebaendert; Becher aus diesem Horn machen den Trinker immun gegen Gift, Krampf und Epilepsie. Im ersten Jahrhundert n. Chr. fixiert Plinius der Aeltere in Naturalis Historia VIII.31 das Bild als 'Pferdeleib, Hirschkopf, Elefantenfuesse, Eberschwanz und ein einziges schwarzes Horn von etwa zwei Ellen Laenge in der Mitte der Stirn'. Als dieses Bild ueber lateinische Quellen das mittelalterliche Europa erreichte, wurde es mit unicornus, dem Einhorn, gleichgesetzt. In spaeterer Fantasy lebt Monoceros allerdings haeufig als wilderer, urspruenglicherer Typ getrennt vom weissen Pferd-Einhorn weiter.
Ursprung
Der ikonografische Ursprung des Monoceros ist das Indika des Ktesias aus dem fuenften Jahrhundert v. Chr.; dort ist das Tier der indische Wildesel mit dreifarbigem Horn, dessen entgiftender Becher den dauerhaften Ruf des Tieres begruendete. Der seleukidische Gesandte Megasthenes (viertes Jahrhundert v. Chr.) verzeichnete es unter dem Namen kartazonos als pferdgrosses Tier mit schwarzem Horn und wildem Wesen. Aristoteles Historia Animalium Buch II klassifiziert den indischen Esel und die Oryxantilope als einhoernige Tiere. Plinius der Aeltere, Naturalis Historia VIII.31 (erstes Jahrhundert), fixiert den lateinischen Namen monoceros und die kanonische hybride Beschreibung. Die Septuaginta-Uebersetzung der hebraeischen Bibel gibt das hebraeische re'em (von heutigen Forschern als Auerochse identifiziert) als monokeros wieder; die Vulgata setzt dies als unicornis fort und prägt damit das Einhornbild der christlichen Ikonografie. Der Physiologus des zweiten bis vierten Jahrhunderts fuegt das Jungfrau-und-Einhorn-Motiv hinzu und allegorisiert das Tier als Christus.
Merkmale
- Ein einziges Horn aus der Stirnmitte
- Ktesische Tradition: weisser Leib, purpurner Kopf, blaue Augen, dreifarbiges Horn
- Plinianische Tradition: Pferdeleib, Hirschkopf, Elefantenfuesse, Eberschwanz, schwarzes Horn
- Becher aus dem Horn neutralisieren Gift, Krampf und Epilepsie
- Wild und kaum lebend einzufangen
- Heimat in Indien oder am oestlichen Rand der bekannten Welt
Geschichten
Die antike Pharmakologie machte das Monoceros-Horn (Alikorn) zum universellen Gegenmittel. In Renaissance-Arzneibuechern stand Alikornpulver unter den teuersten Heilmitteln, gewichtsweise teurer als Gold; Elisabeth I. von England hielt einen Einhornbecher unter ihren koeniglichen Schaetzen. Die meisten tatsaechlich umlaufenden 'Einhornhoerner' waren Spiraltzaehne des Narwals (Monodon monoceros), wie der daenische Naturforscher Olaus Worm 1638 anhand von Museumsstuecken nachwies. Das Sternbild Monoceros wurde 1612 vom niederlaendischen Theologen und Astronomen Petrus Plancius eingefuehrt und auf Jakob Bartschs Sternkarte von 1624 etabliert; es zaehlt heute zu den 88 IAU-Sternbildern. Mittelalterliche Bestiarien, die Damen-und-Einhorn-Wandteppiche aus dem spaeten 15. Jahrhundert im Cluny und die Einhornjagd-Folge in The Cloisters fixierten den visuellen Kanon.
Schwäche
Die entscheidende Schwaeche in der mittelalterlichen Tradition ist der Schoss einer Jungfrau. Der Physiologus (zweites bis viertes Jahrhundert) etablierte die Allegorie: kein Jaeger kann das Einhorn mit Gewalt nehmen, doch eine Jungfrau allein im Wald zieht das Tier an, das ihr den Kopf in den Schoss legt und einschlaeft, worauf der Jaeger es einfaengt. Das Motiv fehlt bei Ktesias; es ist Produkt christlicher Allegorese, in der das Einhorn fuer Christus steht, der in den Mutterleib der Jungfrau Maria eingeht. Auch die entgiftende Kraft des Horns kennt Varianten: es muss am lebenden Tier geschnitten werden, und die Beruehrung unwuerdiger Haende loescht seine Tugend, sodass nicht das Tier, sondern die Verfuegbarkeit des Horns zur eigentlichen Schranke wird.
Kulturelle Bedeutung
Monoceros steht am Anfang einer langen Kette: griechische Naturgeschichte, lateinische Enzyklopaedik, mittelalterlich-christliche Allegorie, Renaissance-Pharmakologie, fruehmoderne Astronomie. Die monokeros-Wiedergabe der Septuaginta, von der Vulgata als unicornis uebernommen, machte das Einhorn zur regelmaessigen Figur christlicher Kunst, und das Jungfrau-Motiv des Physiologus brachte die Cluny-Wandteppiche (1490er Jahre) und die Einhornjagd-Folge in The Cloisters hervor. Petrus Plancius' Sternbild von 1612 gab ihm astronomische Koordinaten, Olaus Worms Narwal-Identifikation von 1638 ein naturgeschichtliches Nachleben. In der zeitgenoessischen Fantasy bleibt Monoceros oft als wilderer, urspruenglicher Typ vom weissen Pferd-Einhorn getrennt; das Dungeons-and-Dragons-Monsterhandbuch fuehrt Monoceros- oder Schwarz-Einhorn-Varianten gesondert. In der europaeischen Heraldik bewahrt das Einhorn des schottischen Koenigswappens das Tier als Sinnbild von Autoritaet und Reinheit.
In der Popkultur
Ktesias, Indika (5. Jh. v. Chr.) — fruehste Beschreibung als indischer WildeselMegasthenes, Indika (4. Jh. v. Chr.) — kartazonos-VarianteAristoteles, Historia Animalium Buch II — indischer Esel und Oryx als EinhoernerPlinius d. A., Naturalis Historia VIII.31 — lateinischer Monoceros-KanonSeptuaginta, Psalm 22 und 92 — hebraeisch re'em als monokeros wiedergegebenPhysiologus (2.-4. Jh.) — Jungfrau-und-Einhorn-Allegorie etabliertSternbild Monoceros — 1612 von Petrus Plancius eingefuehrt
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