
Der Imugi ist der koreanische 'unvollendete Drache', eine gewaltige Schlange, die tausend Jahre lang in tiefen Bergteichen, unter Wasserfaellen und in verborgenen Hoehlen Askese ueben und sittliches Verdienst sammeln muss, bevor sie die Wunschkugel (yeouiju) erhaelt und als wahrer Drache aufsteigen kann. Sie wird als Schlange von ungewoehnlicher Dicke und beschuppten Wuchses dargestellt, mit dem Ansatz kleiner Hoerner auf der Stirn; dasselbe Bild kehrt in Volkserzaehlungen aus den Provinzen Suedpyongan, Gangwon und Suedjeolla wieder. Der fruehste koreanischsprachige schriftliche Beleg ist Hong Man-jongs 'Sun-o-ji' (1678), waehrend die systematischste Quelle die Feldarbeit von Son Jin-tae (1900-1950?) — veroeffentlicht als 'Forschungen zur koreanischen Volkserzaehlung' (1947) — und Im Seok-jaes zwoelfbaendige 'Sammlung koreanischer muendlicher Erzaehlungen' (Pyongminsa, 1987-1993) ist, die ueber zweihundert Imugi-Erzaehlungen unter den Typen 'Imugi und das Maedchen' und 'Drachenteich' anordnet. Das koreanische Standardwoerterbuch definiert ihn als 'eine grosse Schlange, die nicht zum Drachen werden konnte'; die koreanische Volkskunde liest ihn als Verschmelzung des chinesischen Jiao-Schlangendrachen mit dem einheimischen Schlangenkult. Die moderne Wiederaufnahme findet sich im Manhwa 'Land des Windes' (Kim Jin, ab 1992), im Hollywoodblockbuster 'D-War' (2007, Regie Shim Hyung-rae) und im Manhwa 'Myojin Imugi' (Jeong Ju-yeon, 2014).
Ursprung
Der erste ausdrueckliche koreanische Schriftbeleg ist Hong Man-jongs 'Sun-o-ji' (1678), der den Imugi benennt und den tausendjaehrigen Askeserahmen einfuehrt. Aeltere Wurzeln laufen ueber das 'Samguk Yusa' Iryeons (1281, Goryeo) — Buch I 'Sonderbare Geschehnisse', das den Drachenpalast und den Begriff des goettlichen Drachen als heimische koreanische Religion ueberliefert — und ueber Seo Geungs 'Gaoli Tujing' (1124) zur Goryeo-Sittenlehre, der den Schlangenkult und den Drachenaufstieg gemeinsam belegt. Son Jin-taes Feldarbeit der Jahre 1930-1949 in den Bergdoerfern Pyongans, Hamgyeongs und Gangwons (heute Son-Jin-tae-Sammlung des Nationalen Volksmuseums Korea) ist das ethnographische Fundament, und Im Seok-jaes Regionalbaende fuer Suedpyongan und Gangwon bewahren den dichtesten Katalog der Imugi-Erzaehlungen.
Merkmale
- Massige, schuppige Schlangengestalt, weit groesser als jede gewoehnliche Schlange
- Ansatz zweier kleiner Hoerner auf der Stirn — Zeichen des unfertigen Drachen
- Steigt erst nach tausend Jahren Askese und Erlangung der Wunschkugel als Drache auf
- Bewohnt Bergteiche (yongso), Wasserfallbecken und verborgene Hoehlen
- Verfaellt bei Versagen in Zorn und wird zur menschenfressenden Bestie
- Kann von einem tugendhaften Menschen — meist Maedchen, Moench oder pietaetvoller Sohn — vor dem Sturz bewahrt werden
Geschichten
Bildet das Kernpruefungsbild der koreanischen Volkserzaehlung, Sinnbild von Askese, Geduld und unvollendetem Streben. Moderne koreanische Medien — KBS-Reihe 'Legenden der Heimat', Film 'D-War' (2007), Manhwa 'Myojin Imugi' (2014) — greifen den Aufstiegs- und Sturz-Bogen wieder auf.
Schwäche
Waehrend der Askese ist der Imugi anfaellig fuer sittliche Versuchung — Zorn, Hochmut, Begierde — und der gestuerzte Imugi verliert sein goettliches Standing und faellt schamanistischen Ritualschwertern und den Spruechen eines greisen Moenchs zum Opfer; das Muster zieht sich durch Im Seok-jaes Sammlung.
Kulturelle Bedeutung
Die Figur ergaenzt die ostasiatische Drachenhierarchie (fuenfzehiger chinesischer Kaiserdrache, vierzehiger koreanischer cheongnyong, dreizehiger japanischer ryu) um eine spezifisch koreanische 'noch nicht Drache'-Stufe und ist mit den Drachen-Herabkunftsritualen des koreanischen Schamanismus verbunden.
In der Popkultur
Hong Man-jongs 'Sun-o-ji' (1678), Son Jin-taes 'Forschungen zur koreanischen Volkserzaehlung' (1947), Im Seok-jaes zwoelfbaendige Sammlung (1987-1993), zahlreiche Folgen von KBS 'Legenden der Heimat' (1977-1989, 1996-1999), Shim Hyung-raes Film 'D-War' (2007), Jeong Ju-yeons Manhwa 'Myojin Imugi' (2014) und der Imugi-Endgegner in SoftMax' Rollenspielreihe 'Chronicle of Genesis' (1995-2004).


