
Der Ryū ist der japanische Drache, im sechsten Jahrhundert mit dem Buddhismus aus China uebernommen und mit einheimischen Schlangen- und Wasserkulten verschmolzen. Sein auffaelligstes Kennzeichen ist die Zehenzahl: drei Zehen entsprechen in der ostasiatischen Drachenhierarchie dem niedrigsten Rang, gegenueber den fuenf Zehen des chinesischen Kaiserdrachen und den vier des koreanischen Drachen. Der bekannteste Ryū ist Yamata-no-Orochi, die achtkoepfige, achtschwaenzige Riesenschlange, festgehalten im Kojiki (712, kompiliert von Ō no Yasumaro) und im Nihon Shoki (720); der Sturmgott Susanoo-no-Mikoto besiegt sie, nachdem er sie mit Reiswein betrunken gemacht hat, und entdeckt aus ihrem Schwanz das Schwert Kusanagi-no-Tsurugi, eine der drei kaiserlichen Reichsinsignien. Der Drachenkoenig Ryūjin herrscht ueber Meer und Sturm und thront im Unterwasserpalast Ryūgū-jō, in den der Fischer Urashima Tarō gefuehrt wird. Der Ryū ist ein fester Bestandteil der Deckengemaelde von Tempeln und Schreinen — Kanō Tan'yūs 'Naki-Ryū' (1640er) im Nikkō Tōshō-gū gilt als Inbegriff — und der Ukiyo-e-Holzschnitte wie Hokusais 'Hundert Ansichten des Berges Fuji' (1834).
Ursprung
Die unmittelbaren Quellen sind das Kojiki (712), Japans aelteste erhaltene Chronik von Ō no Yasumaro, und das Nihon Shoki (720), in denen sowohl die Yamata-no-Orochi-Episode als auch die Ryūjin-Tradition stehen. Als auswaertiges Element war die Naga- und Drachenkoenig-Ikonografie der ueber Baekje im sechsten Jahrhundert uebernommenen chinesischen Buddhistensutren entscheidend; in der Heian-Zeit (794-1185) erweiterten Shingon und Tendai das System um die Vier Symbol-Tiere. Das Motiv des Ryūgū-jō verfestigte sich im spaeten Heian-zeitlichen 'Taketori Monogatari' (zehntes Jahrhundert) und im Muromachi-zeitlichen Otogi-zōshi 'Urashima Tarō' und verschmolz in der Edo-Zeit mit einheimischen Schlangenkulten an Wasserfaellen, Bergquellen und Teichen. Die Folkloristen Yanagita Kunio (1875-1962) und Minakata Kumagusu dokumentierten diese Schichtung im zwanzigsten Jahrhundert.
Merkmale
- Dreizehige Fuesse, niedrigster Rang in der ostasiatischen Drachenhierarchie
- Tritt haeufig als vielkoepfige Schlange auf, etwa als achtkoepfige Yamata-no-Orochi
- Ryūjin gebietet ueber Meer und Sturm und thront im Unterwasserpalast Ryūgū-jō
- Fester Bestandteil der Tempel- und Schreindecken, Kanō Tan'yūs 'Naki-Ryū' im Nikkō Tōshō-gū als Inbegriff
- Verbreitet auf Ukiyo-e-Holzschnitten, Haniwa-Mustern und Samurai-Kamon-Familienwappen
- Verknuepft mit zentralen Mythenfiguren: Susanoo, Urashima Tarō, der Meeresprinzessin Toyotama-hime
Geschichten
Erscheint als Schutzbild auf Tempel- und Schreindecken und Fusuma-Tafeln, als Samurai-Familienwappen, im Kagura-Schwerttanz an Festen und als Standard-Bossfigur in modernen japanisch gepraegten Mangas, Anime und Computerspielen.
Schwäche
Wie Yamata-no-Orochi zeigt, scheitert der Ryū an Trunkenheit und an heiligen Schwertern wie Kusanagi-no-Tsurugi und wird durch buddhistische Schutzikonografie gebunden.
Kulturelle Bedeutung
Daoistische, buddhistische und shintoistische Schichten der Wasserquellen-, Sturm- und Koenigssymbolik ueberlagern sich im japanischen Ryū; die Toetung des Orochi wird regelmaessig als ostasiatischer Beleg fuer den indo-europaeischen Chaoskampf zitiert — Indra gegen Vritra, Thor gegen Jörmungandr.
In der Popkultur
Kojiki (712), Nihon Shoki (720), Kanō Tan'yūs Naki-Ryū-Decke im Nikkō Tōshō-gū (siebzehntes Jahrhundert), Hokusais 'Hundert Ansichten des Berges Fuji' (1834), der Drache Haku in Miyazaki Hayaos 'Chihiros Reise ins Zauberland' (2001) und die Drachenbosse der Roguelike-Reihe 'Shiren the Wanderer' tragen alle dieselbe Ikonografie.


