
Naga
Naga · Schlangenmenschen — Mythische Halbmenschen, Halbschlangen
Der Naga (Sanskrit nāga, 'Schlange') ist ein halbgöttliches Schlangenwesen der indischen und südostasiatischen Mythologie, dargestellt als Mensch-Kobra-Mischwesen mit menschlichem Oberkörper und gewaltigem Schlangenleib, oft gekrönt von mehreren Hauben. Nagas behüten Flüsse, Seen, Brunnen und das unterirdische Reich Patala, rufen den Monsunregen herbei und horten Schätze in juwelenbesetzten Tiefenpalästen. Im Hinduismus ruht Vishnu auf der kosmischen Schlange Shesha im Milchozean; Shiva trägt Vasuki um den Hals. Im Buddhismus beschützte der Nagakönig Mucalinda den frisch erleuchteten Buddha sieben Tage lang mit seinen sieben Hauben vor Sturm und Regen. Im Jainismus wird der dreiundzwanzigste Tirthankara Parshvanatha stets mit siebenköpfigem Naga-Heiligenschein dargestellt. In Kambodscha, Thailand und Laos säumen vielköpfige Naga-Balustraden jede Tempeltreppe.
Ursprung
Die frühesten Naga-Belege erscheinen im Rigveda und Atharvaveda (um 1500-1000 v. Chr.) als Schlangenhymnen. Die ausgereifte Mythologie kristallisiert im Adi Parva des Mahabharata, vor allem in der Erzählung von Astika und dem Schlangenopfer Sarpa Satra König Janamejayas. Laut Epos stammen die Nagas vom Weisen Kashyapa und seiner Gemahlin Kadru ab; ihre Hauptstadt ist Bhogavati in der Unterwelt, regiert von acht Nagakönigen unter Shesha, Vasuki und Takshaka. Bhagavata- und Vishnu-Purana erzählen, wie Vasuki beim Quirlen des Milchozeans (Samudra Manthan) als Seil diente. Das Pali-Vinaya Mahavagga verzeichnet die Mucalinda-Episode, die Mahavamsa aus dem fünften Jahrhundert berichtet, wie der Buddha einen Naga-Streit schlichtete. Im kambodschanischen Gründungsmythos heiratet der Brahmane Kaundinya die Naga-Prinzessin Soma und begründet die Funan-Dynastie.
Merkmale
- Menschlicher Oberkörper und Schlangenleib einer riesigen Kobra
- Mehrere Hauben oder Köpfe, oft sieben, in Mythen bis zu tausend
- Hüter von Gewässern und der Unterwelt Patala
- Giftig und zugleich regen- und fruchtbarkeitsspendend
- Gestaltwandler, die menschliche Form annehmen und Sterbliche heiraten
- Besitzer unterirdischer Paläste voll Edelsteine und Gold
Geschichten
Nagas erscheinen vor allem als Wächterbilder an Tempeln und Palästen. Die siebenköpfigen Naga-Balustraden Angkor Wats symbolisieren die Regenbogenbrücke zwischen Menschen- und Götterwelt. Thailändische Wat-Tempel und das laotische Luang Prabang setzen Naga-Skulpturen an jede Treppe. Jährlich im Oktober, am Ende des buddhistischen Vassa, steigen rote 'Naga-Feuerbälle' aus dem Mekong empor, von Thailand und Laos offiziell als Kulturerbe anerkannt. In Indien ehrt das Fest Naga Panchami am fünften Tag des Shravana die Schlangen mit Milch- und Blumengaben. Die kaschmirische Stadt Anantnag, wörtlich 'Stadt unzähliger Nagas', bewahrt Dutzende heilige Naga-Quellen.
Schwäche
Der ewige Feind des Naga ist der Götteradler Garuda. Im Mahabharata stiehlt Garuda das Amrita aus dem Himmel, um seine Mutter Vinata aus der Knechtschaft der Nagas zu befreien, und wird zu deren erblichem Jäger. Janamejayas Schlangenopfer zog mit vedischen Mantras die Schlangen ins Opferfeuer. Die Volkstradition hält Nagas für anfällig gegen Eisen, Mantras und Pfauenfedern (Garuda-Verwandte). In buddhistischen Erzählungen unterwerfen sich Nagas dem Mitgefühl und der Autoritat des Buddha. Mungo, geweihte Asche und Garuda-Amulette gelten in ganz Sudasien als Schutzmittel.
Kulturelle Bedeutung
Nagas sind keine bloßen Ungeheuer, sondern die vergöttlichte Form indigener Schlangenkulte, verschmolzen mit der vedischen Religion. Ihr Wirkungsbereich umfasst den indischen Subkontinent, Südostasien, Tibet und Südchina. Vishnus Shesha, Shivas Vasuki und Buddhas Mucalinda stellen Nagas neben die höchsten Gottheiten. Regionale Varianten sind die bengalische Schlangengöttin Manasa, Pakhangba aus Manipur, der siebenhaubige Heiligenschein Parshvanathas im Jainismus und der südindische Naga-Stein-Kult. Als der Buddhismus Ostasien erreichte, übersetzten chinesische Gelehrte naga als 'long' (Drache) und prägten so die Drachen-Ikonografie Chinas, Koreas und Japans. Heute lebt der Naga in der kambodschanischen Krönungssymbolik, in laotischen Tourismusbildern und im indischen Staatsritual fort.
In der Popkultur
Mahabharata Adi Parva — Astika und das Schlangenopfer Sarpa SatraBhagavata- und Vishnu-Purana — Shesha, Vasuki und das Quirlen des MilchozeansPali-Vinaya Mahavagga — Mucalinda schützt den erleuchteten BuddhaMahavamsa, fünftes Jahrhundert, Sri Lanka — Buddha schlichtet einen Naga-StreitKambodschanischer Gründungsmythos — Kaundinya und die Naga-Prinzessin SomaRudyard Kipling, Das Dschungelbuch, 1894 — Kaa, die Python mit Naga-ZügenDungeons and Dragons Monster Manual, ab 1977 — guardian, spirit, water, dark, bone naga