
Chimäre
Chimäre · Mischwesen — Mythische Kreatur aus Tierteilen
Ein zusammengesetztes Ungeheuer der griechischen Mythologie — Loewenkopf, Ziegenleib (aus dessen Ruecken ein Ziegenkopf emporsprang), Schlangenschwanz und ein Maul, das unaufhoerlich Feuer speit. Zuerst genannt in Homers Ilias 6.179-183 (um achtes Jahrhundert v. Chr.); in Hesiods Theogonie 319-325 (um 700 v. Chr.) als Tochter des Typhon und der Echidna und Schwester von Kerberos und der Hydra. Sie verwuestete Lykien, bis der Held Bellerophon auf dem gefluegelten Pferd Pegasos in ihren Rachen einen mit Blei beschwerten Speer trieb; ihr eigenes Feuer schmolz das Blei, das ihre Eingeweide verbrannte (Apollodor, Bibliothek 2.3.1). Seit der Renaissance ist 'chimera' das gelaeufige Wort fuer jedes zusammengesetzte oder phantastische Mischwesen, und in der Biologie bezeichnet Chimerismus seit Hans Spemann (1920er Jahre) einen Organismus aus zwei verschiedenen Genotypen.
Ursprung
Das aelteste direkte Zeugnis ist die Ilias 6.179-183 (um achtes Jahrhundert v. Chr. muendlicher Tradition), wo der trojanische Gesandte Glaukos die Toetung der Chimaera durch seinen Vorfahren Bellerophon erzaehlt: 'vorn Loewe, hinten Schlange, in der Mitte Ziege, ausatmend die schreckliche Wucht des lodernden Feuers'. Hesiods Theogonie 319-325 (um 700 v. Chr.) legt die Genealogie fest: die Chimaera ist Tochter des Typhon und der Echidna (oder von Echidnas Tochter, der Hydra), Schwester von Kerberos, der Hydra, Orthos und der Sphinx. Die Heldenerzaehlung wird in Apollodors Bibliothek 2.3.1 (erstes bis zweites Jahrhundert n. Chr.) und in Hyginus' Fabulae 57 (etwa zweites Jahrhundert n. Chr.) kanonisiert. Bellerophon zaeumt den Pegasos mit Athenes goldenem Zaum, greift aus der Luft an und stoesst der Chimaera einen mit Blei beschwerten Speer in den Rachen; ihr Feueratem schmilzt das Blei, das ihre Eingeweide verbrennt. Geographisches Vorbild ist der Berg Chimaera in Lykien (das heutige Yanartaş in der Provinz Antalya, Tuerkei), wo natuerliche Methanaustritte seit mindestens fuenftausend Jahren brennen; Strabon, Geographika 14.3.5 (erstes Jahrhundert n. Chr.), identifizierte dies bereits als Grundlage des Mythos. Das beruehmteste bildliche Vorbild ist die etruskische Bronzefigur der Chimaera von Arezzo (um 400 v. Chr.), 1553 in Arezzo ausgegraben und heute im Museo Archeologico Nazionale in Florenz unter der Inventarnummer 1.
Merkmale
- Loewenkopf vorn, Ziegenkopf aus dem Ruecken, Schlangenkopf am Schwanz; drei Koepfe an einem Leib
- Dauerhafter Feueratem — bei Homer 'die schreckliche Wucht des lodernden Feuers goettlicher Abstammung'
- Tochter von Typhon und Echidna, Geschwister von Kerberos, Hydra, Orthos und Sphinx (Hesiod, Theogonie 319-325)
- Sie durchstreifte die Berge Lykiens und verwuestete sie, Vieh und Menschen toetend
- Die etruskische Bronzefigur Chimaera von Arezzo (um 400 v. Chr.) ist der frueheste fixe Bildkanon: Loewenleib, Ziegenkopf vom Rueckgrat, Schlangenschwanz
Geschichten
Mythologisch ist die Chimaera die Pruefung Bellerophons und der Urtyp jedes zusammengesetzten Ungeheuers. Homer zeigt sie als unvernuenftigen Schrecken, den kein Held ohne goettlichen Beistand bezwingen kann — der gefluegelte Pegasos, der goldene Zaum von Athena, der bleibeschwerte Speer. Seit der Renaissance ist 'chimera' in den europaeischen Sprachen ein Gattungsbegriff fuer phantastisch oder illusionaer Erdachtes (englisch chimerical, franzoesisch chimere, deutsch Hirngespinst). In der Biologie praegte Hans Spemann in Embryonic Development and Induction (Yale University Press, 1938) den Fachterminus chimera fuer einen Organismus aus zwei verschiedenen Genotypen, nach seinen Salamanderversuchen von 1924. Das Advanced Dungeons & Dragons Monster Manual (TSR, 1977) standardisierte die Loewen-Ziegen-Drachen-Variante als Wesen mit Herausforderungsgrad 6, und Magic: The Gathering, Final Fantasy und FromSoftwares Sekiro: Shadows Die Twice (2019) gehoeren zu den modernen Variationen.
Schwäche
Mythologisch ist die entscheidende Schwaeche der Chimaera ihr eigenes Feuer. Bellerophon trat ihr nicht im offenen Kampf entgegen: er bewehrte den Schaft seines Speers mit Blei und trieb ihn in ihren Rachen, und als sie Feuer ausstiess, schmolz das Blei und verbrannte ihre Eingeweide (Apollodor 2.3.1; Hyginus Fabulae 57). Auch der Luftangriff auf Pegasos war entscheidend, denn die Chimaera hatte gegen einen fliegenden Gegner keine Antwort. In der fuenften D&D-Edition ist sie Herausforderungsgrad 6 und anfaellig gegen fliegende Magier, kalte Angriffe und Distanzkampftaktiken.
Kulturelle Bedeutung
Geografisches Vorbild des Mythos sind die Methanaustritte von Yanartaş in der heutigen Provinz Antalya in der Tuerkei, an denen Erdgas aus dem Fels entstroemt und seit langer Zeit unaufhoerlich brennt; eine 2007er Untersuchung der Geologieabteilung der Universitaet Antalya datierte die Flamme an denselben Stellen auf mindestens fuenftausend Jahre. Die Chimaera von Arezzo, am 15. November 1553 beim Brunnenbau in Arezzo entdeckt, kam in die Sammlung von Cosimo I. de Medici; Giorgio Vasari pries sie 1568 in der zweiten Auflage seiner Vite als 'Gipfel der etruskischen Bronze'. Sie tragt heute die Inventarnummer 1 des Museo Archeologico Nazionale in Florenz (78,5 cm lang, etwa 18 kg). In der Biologie ist 'chimera' seit Hans Spemanns Salamanderversuchen von 1924 (Nobelpreis fuer Physiologie oder Medizin 1935) und ueber die Immunologie und Gentechnik seit den 1950er Jahren ein zentraler Fachterminus. Im Film und Spiel sind Vincenzo Natalis Splice (2009) und Sekiro: Shadows Die Twice (FromSoftware, 2019) typische neuere Variationen.
In der Popkultur
Homer, Ilias 6.179-183 (um 8. Jh. v. Chr.) — Loewen-Ziegen-Schlangen-Dreigestalt und FeueratemHesiod, Theogonie 319-325 (um 700 v. Chr.) — Genealogie von Typhon und Echidna, GeschwisterApollodor, Bibliothek 2.3.1 (1.-2. Jh. n. Chr.) — Bellerophon, Pegasos und der bleibeschwerte SpeerStrabon, Geographika 14.3.5 (1. Jh. n. Chr.) — Identifizierung des Berges Chimaera in Lykien als GrundlageEtruskische Bronze Chimaera von Arezzo (um 400 v. Chr.; Museo Archeologico Nazionale, Florenz, Inv. 1) — BildkanonDante Alighieri, Purgatorio 6.92 (um 1308-1320) — als Bild eines eitlen HirngespinstesHans Spemann, Embryonic Development and Induction (Yale University Press, 1938) — biologischer FachterminusGary Gygax, Advanced Dungeons & Dragons Monster Manual (TSR, 1977) — SpielkanonWizards of the Coast, Magic: The Gathering Theros (2014) — chimerische KartenFromSoftware, Sekiro: Shadows Die Twice (2019) — moderne Spielvariation
Trivia
- Die ewigen Flammen von Yanartaş werden von Methan und Wasserstoff genaehrt; nach einer geologischen Untersuchung der Universitaet Antalya von 2007 brennen sie an denselben Stellen seit mindestens fuenftausend Jahren, was Homers 'Feuer goettlicher Abstammung' heute meist als Mythisierung dieses Erdgasphaenomens lesen laesst.
- Die Chimaera von Arezzo wurde am 15. November 1553 bei einem Brunnenbau in Arezzo entdeckt; Cosimo I. de Medici ordnete ihre Erhaltung an, und die Bronze traegt heute die Inventarnummer 1 des Museo Archeologico Nazionale in Florenz — die erste Nummer, die bei der Eroeffnung des Museums vergeben wurde.
- Die uebertragene Bedeutung 'Hirngespinst, Trugbild' geht bei chimera mindestens auf Cicero, De natura deorum 1.108, zurueck, der das Wort fuer eine unmoegliche Hypothese verwendete; das mittelalterliche Latein fuehrte diese Verwendung fort.
- Hans Spemanns Salamander-Versuche von 1924, in denen er das dorsale Lippengewebe in einen anderen Keimling verpflanzte, fuehrten zum Konzept des Organisators (Nobelpreis 1935) und lieferten der Biologie den Begriff Chimaera fuer Organismen aus zwei Genotypen.