
Die Lernaeische Hydra (altgriechisch 'Lernaia Hydra', lateinisch 'Hydra Lernaea') ist das ikonischste vielkoepfige Untier der griechischen Mythologie, das zweite der zwoelf von Koenig Eurystheus von Mykene auferlegten Aufgaben des Heracles. Ihre Geburt steht in Hesiods 'Theogonie' (um 730 v. u. Z.), Verse 313-318: sie ist Tochter der Schlange Echidna und des Sturmriesen Typhon, Schwester des Kerberos, der Chimaera und des Nemeischen Loewen, und wurde von Hera als Werkzeug gegen Heracles aufgezogen. Sie ist kanonisch neunkoepfig, der mittlere Kopf unsterblich (Pseudo-Apollodor, 'Bibliotheke' II.5.2, zweites Jahrhundert v. u. Z.), und ihre entscheidende Kraft ist die Regeneration — fuer jeden abgetrennten Kopf wachsen zwei neue. Heracles besiegt sie nur mit Hilfe seines Neffen und Wagenlenkers Iolaus, der jeden Stumpf sofort mit einer Fackel ausbrennt; den letzten unsterblichen Kopf trennt Heracles ab und vergraebt ihn unter einem grossen Felsen. Das giftige Blut der Hydra tropft auf Heracles' Pfeile und toetet spaeter den Kentauren Nessos, den Riesen Antaeus und schliesslich Heracles selbst. Ihr Lager ist das Lerna-Sumpfgebiet in Argolis auf der oestlichen Peloponnes, identifiziert mit der archaeologischen Staette beim heutigen Dorf Myloi, zehn Kilometer suedlich von Argos, wo das Cincinnati-Grabungsteam (1950-58, John L. Caskey) eine neolithische Siedlung des dritten Jahrtausends v. u. Z. ausgrub.
Ursprung
Die direkte Textquelle ist Hesiods 'Theogonie' (um 730 v. u. Z.), Verse 313-318, wo die Hydra als Tochter von Echidna und Typhon und als Werkzeug der Feindschaft Heras gegen Heracles benannt wird. Der Kanon der zweiten Heracles-Aufgabe ist in der attischen schwarzfigurigen Vasenmalerei des spaeten sechsten Jahrhunderts v. u. Z. fixiert — die Lerna-Hydra-Kylix im British Museum (Inv.-Nr. B 197, um 530-510 v. u. Z.) und die Louvre-Kylix F 386 — und textlich in Pseudo-Apollodors 'Bibliotheke' II.5.2 (zweites Jahrhundert v. u. Z.), der die neun Koepfe, den unsterblichen Mittelkopf und die Fackelhilfe des Iolaus fixiert. Das Bild zieht sich durch Vergils 'Aeneis' VI.287 (29-19 v. u. Z.), die byzantinischen 'Chiliades' des Tzetzes (zwoelftes Jahrhundert), das Aberdeen Bestiary (zwoelftes Jahrhundert) und Dantes 'Inferno' bis in die abendlaendische Literatur. Das Lerna-Sumpfgebiet wurde von Caskeys Cincinnati-Team 1950-58 als neolithische Siedlung des dritten Jahrtausends v. u. Z. ausgegraben, ein klassischer Beruehrungspunkt von Mythos und Archaeologie.
Merkmale
- Neun Koepfe, der mittlere mit Unsterblichkeit ausgestattet
- Regenerationskraft: aus jedem abgetrennten Kopf wachsen zwei neue
- Massiger Schlangenleib, aus dem die langen Haelse aufsteigen
- Giftiges Maul, Blut und Atem
- Tochter von Echidna und Typhon, Schwester des Kerberos, der Chimaera und des Nemeischen Loewen
- Hauset im Lerna-Sumpfgebiet von Argolis auf der oestlichen Peloponnes
Geschichten
Mustergegner der griechischen Heldensage, an dem gelehrt wird, dass blosse Gewalt nicht reicht und dass Gefaehrte und Taktik (die Fackel des Iolaus) noetig sind. Ihr Name wurde fuer das Sternbild Hydra (das groesste der achtundachtzig IAU-Sternbilder), das US-Marine-Schiff USS Hydra und die fiktive Geheimorganisation 'Hydra' in den Marvel Comics (eingefuehrt von Jack Kirby und Stan Lee 1965) entlehnt.
Schwäche
Jeder Stumpf muss sofort mit Feuer ausgebrannt werden, sonst wachsen zwei neue Koepfe nach, und der mittlere unsterbliche Kopf muss abgetrennt und unter einem grossen Felsen begraben werden, um die Hydra wirklich zu neutralisieren — diese Verwundbarkeiten sind in Pseudo-Apollodors 'Bibliotheke' II.5.2 kodifiziert.
Kulturelle Bedeutung
Die Hydra ist der Gruendungsfall des vielkoepfigen Untiers in der westlichen Literatur und wird in der indogermanischen Vergleichsmythologie neben dem nordischen Jörmungandr, der babylonischen Tiamat und dem indoarischen Vritra als griechische Variante des Sturmgott-gegen-Vielkopfschlange-Chaoskampfes eingeordnet, eine Klassifikation, die Georges Dumézil und Mircea Eliade praeziser gefasst haben.
In der Popkultur
Hesiods 'Theogonie' (um 730 v. u. Z.), Pseudo-Apollodors 'Bibliotheke' (zweites Jahrhundert v. u. Z.), Vergils 'Aeneis' (29-19 v. u. Z.), die Lerna-Hydra-Schwarzfigurenkylix im British Museum (B 197, um 530-510 v. u. Z.), die Louvre-Kylix F 386, Dantes 'Inferno' (Gesang 14), Disneys 'Hercules' (1997), D&D 'Monster Manual' (ab 1977) und der Hydra-Endgegner in Sony Santa Monicas 'God of War' (2005).

