
Lanze
Die Stoßwaffe des berittenen Ritters
Die Lanze ist die Kernwaffe des mittelalterlichen Reiterangriffs: ein nur zu Pferd geführter Spieß aus einem langen Holzschaft von etwa 300–400 cm mit stählerner Spitze. Eine Brechscheibe (vamplate, kegelförmiger Handschutz) in der Schaftmitte fängt den Stoß ab und schützt die Hand, und der Schaft wird in einen am Brustpanzer befestigten Rüsthaken (grapper, den arrêt) eingelegt. Diese 'eingelegte Lanze' (couched lance) sammelt das Gewicht des Reiters und die volle Geschwindigkeit des Pferdes in einem Punkt an der Spitze und erzeugt eine Stoßdurchschlagskraft, der keine Infanterie und keine Reiterei frontal standhält. Meist brach der Schaft beim ersten Aufprall, oder man ließ ihn, nachdem er einen Feind durchbohrt hatte, für Schwert oder Streitkolben fallen. Im Turnier (joust) verwendete man absichtlich leicht brechende Lanzen, um Verletzungen zu mindern.
Ursprung
Die Lanze setzte sich im Europa des 10.–11. Jahrhunderts als Stoßwaffe durch, als Steigbügel und hoher Sattel es einem Ritter erlaubten, den Spieß fest unter den Arm zu klemmen und den vollen Schwung des Pferdes in den Feind zu tragen. Dieser 'couched lance'-Angriff trug die taktische Vormacht der schweren Reiterei, der Ritter, des hohen Mittelalters. Im 12.–15. Jahrhundert erreichte sie ihren Höhepunkt als Sinnbild des Rittertums und erblühte abseits des Krieges als zeremonieller Sport des Turniers. Ab dem 16. Jahrhundert verfiel der Stoßangriff vor Feuerwaffen und Pikengevierten, doch die Lanze lebte in Gestalt des Ulanen bis ins 19. und frühe 20. Jahrhundert fort.
Merkmale
- Nur zu Pferd geführter Spieß von etwa 300–400 cm Gesamtlänge
- Brechscheibe (vamplate, kegelförmiger Handschutz) für Hand und Stoßdämpfung
- In einen Rüsthaken (grapper) eingelegt, um den Schwung zu bündeln
- Bündelt die Energie des Angriffs in einem Punkt ('couched lance')
- Gewicht etwa 2,5–4 kg
- Eigens leicht brechende Lanzen für das Turnier
Geschichten
Die Wucht der Lanze lag in 'einem einzigen Aufprall'. Im vollen Tempo reitend, klemmte der Ritter den Schaft unter den Arm und legte ihn in den Haken, sodass der ganze Schwung von Pferd und Mann hinter der Spitze stand, wenn sie traf. Ziel war der entscheidende Einzelstoß — ein Infanteriegeviert aufzubrechen oder einen feindlichen Reiter aus dem Sattel zu heben —, und da der Schaft beim Aufprall meist brach oder steckenblieb, wechselte der Ritter danach zu Schwert oder Streitkolben. Der 'Lanzenangriff', viele Ritter Knie an Knie in einer Reihe und gemeinsam zustoßend, war der furchtbarste Anblick des mittelalterlichen Schlachtfelds. Im Turnier maß man mit derselben Technik, den Gegner aus dem Sattel zu heben.
Schwäche
Sie war praktisch Einweg, brach oder steckte beim ersten Aufprall meist fest. Für den Fußkampf zu lang und schwer, war sie nutzlos, sobald das Pferd verloren war. Ging der Angriff fehl oder wich der Feind zur Seite, machte der lange Schaft eine sofortige Antwort schwer, und auf Gelände, das kein Tempo erlaubte — dichter Wald, Stadtgassen —, verschwand ihre Wucht. Vor allem stumpften ab dem 16. Jahrhundert Pikengeviert und Feuerwaffen den Reiterangriff selbst ab, und die Lanze als Stoßwaffe wurde stetig vom Schlachtfeld verdrängt.
Kulturelle Bedeutung
Die Lanze ist die Waffe, die den Ritter und das Rittertum versinnbildlicht. Das Turnier war ein zentrales Ritual der mittelalterlichen und Renaissance-Adelskultur, und das Bild eines geharnischten Ritters, der im Galopp die Lanze senkt, wurde zum Inbegriff 'des Ritters'. Der Tod König Heinrichs II. von Frankreich 1559, dem im Turnier ein Splitter einer zerbrochenen Lanze das Auge durchbohrte, war ein Anstoß zum Niedergang des Turniers. Die Lanze hinterließ auch in Sprache und Literatur tiefe Spuren: Cervantes' Don Quijote, der gegen Windmühlen anreitet, die er für Riesen hält, die Lanze gesenkt, wurde zum Sinnbild für das Verfolgen eitler Ideale, und das englische 'at full tilt' und 'to break a lance' kommen beide vom Turnier.
In der Popkultur
Die Lanze ist die sinnbildliche Waffe von Werken über Ritter und das Mittelalter. Cervantes' Don Quijote, der gegen die Windmühlen anreitet, ist die berühmteste Szene, und sie wird als zentrales Gerät des Turniers in Filmen wie A Knight's Tale und Ivanhoe und in den Turnieren von Game of Thrones gezeigt. In Spielen ist sie aus dem 'couched lance'-Angriff von Mount & Blade, den Waffenklassen Lance und Gunlance von Monster Hunter und den Speeren des Dragoon in Final Fantasy vertraut. Meist wird sie als Stoßwaffe dargestellt, die 'alles auf einen einzigen Angriff setzt', was gut zu ihrem historischen Gebrauch passt.
Trivia
- Aus der Szene in Cervantes' Don Quijote, in der der Ritter, Windmühlen für Riesen haltend, die Lanze senkt und angreift, kam 'tilting at windmills' (gegen Windmühlen kämpfen) — eine Redewendung für tollkühnen Idealismus, den Kampf gegen eingebildete Feinde.
- König Heinrich II. von Frankreich starb 1559, als ihm im Turnier ein Splitter der zerbrochenen Lanze seines Gegners durch den Sehschlitz des Helms und ins Auge drang; der Unfall war ein Wendepunkt im Niedergang des Turniers.
- Die englischen Wendungen 'at full tilt' (in vollem Tempo) und 'to break a lance for someone' (für jemanden eintreten) stammen beide vom Angriff des Turniers.