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Tengu

Tengu · Der japanische Berg-Yokai — Meister der Kampfkünste und Bestrafer des Hochmuts

Der Tengu (japanisch tengu, 'himmlischer Hund') ist ein Yokai der tiefen Berge Japans, dargestellt mit dem Kopf einer Krahe oder einem roten Gesicht mit langer Nase und Fluegeln auf dem Ruecken. Als Meister der Schwertkunst, der Kampfkuenste und uebernatuerlicher Krafte prueft der Tengu Asketen in den Bergen oder uebermittelt geheime Techniken an die Wuerdigen. Die Etymologie stammt vom han-zeitlichen chinesischen Tian-gou ('himmlischer Hund') des Shanhaijing, aber die Figur wurde in Japan ab dem achten Jahrhundert entscheidend umgestaltet. Das Nihon Shoki von 720 vermerkt die erste japanische Referenz, doch die kanonische Ikonografie kristallisierte sich im zwoelften Jahrhundert im Konjaku Monogatari-shu als Avatar eines verdorbenen Moenches. Erzaehlungen der Kamakura-Zeit wie das Heike Monogatari fixierten den Tengu als Meister der Kampfkuenste, wobei Sojobo vom Berg Kurama Minamoto no Yoshitsune in der Schwertkunst unterrichtet haben soll. Der krahenkopfige Karasu-tengu repraesentiert die fruhere Ikonografie, waehrend der rotgesichtige, langnasige Daitengu in der Tracht eines Yamabushi (Bergasketen) in der Muromachi-Zeit kristallisierte. Der Tengu bestraft die Hochmuetigen und lehrt die Demuetigen.

Ursprung

Die Etymologie von Tengu ist das han-zeitliche chinesische Tian-gou ('himmlischer Hund'), ein mythisches Tier im Shanhaijing, das angeblich Sterne verschlingt; die Schriftzeichen fuer tengu gingen direkt ins Japanische ueber. Die fruheste japanische Referenz steht im Nihon Shoki von 720, zusammengestellt von Prinz Toneri, in dem der Eintrag fuer das neunte Jahr von Kaiser Jomei (637) einen grossen Stern aufzeichnet, der nach Osten faellt und Tengu genannt wird. Die kanonische Ikonografie kristallisierte sich jedoch im Konjaku Monogatari-shu, Buch 20, des zwoelften Jahrhunderts, wo der Tengu der Avatar eines verdorbenen Moenches oder Yamado ('Berganhaengers') ist. Werke der Kamakura-Zeit wie das Heike Monogatari (dreizehntes Jahrhundert) und die Yamai no Soshi-Rolle der Saikyoji-Handschrift (vierzehntes Jahrhundert) etablierten die Karasu-tengu-Ikonografie (krahenkopfiger Tengu). Ab der Muromachi-Zeit (fuenfzehntes und sechzehntes Jahrhundert) fuegte die Verschmelzung mit der Shugendo-Schule der Bergaszetik den rotgesichtigen, langnasigen Daitengu in der Yamabushi-Tracht hinzu. Die ukiyo-e von Hokusai und Kuniyoshi der Edo-Zeit etablierten den modernen visuellen Kanon.

Merkmale

  • Karasu-tengu (krahenkopfiger Tengu), die fruhere Ikonografie
  • Daitengu (rotgesichtig, langnasig) in Yamabushi-Tracht, die spaetere Ikonografie
  • Yamabushi-Roben und Geta (Holzschuhe) der Bergasketen
  • Schwarze oder rote Fluegel am Ruecken, frei durch die Berge fliegend
  • Absolute Meisterschaft in Schwertkunst, Kampfkuensten und uebernatuerlicher Kraft
  • Bestraft die Hochmuetigen und uebermittelt geheime Techniken an die Demuetigen

Geschichten

Seit dem Konjaku Monogatari-shu des zwoelften Jahrhunderts steht der Tengu im Zentrum der japanischen Yokai-Ikonografie. Das Heike Monogatari der Kamakura-Zeit, in dem Sojobo vom Berg Kurama Minamoto no Yoshitsune in der Schwertkunst unterrichtet haben soll, etablierte den Tengu als kanonischen Meister der Kampfkuenste. Ab der Muromachi-Zeit verschmolz der Tengu tief mit der Shugendo-Schule der Bergaszetik, und die kanonische Hierarchie der acht grossen Berg-Tengu wurde etabliert: Sojobo vom Berg Kurama, Taroba vom Berg Atago, Jiroba vom Berg Hira, Hogiboo vom Berg Hiko, Myogiboo vom Berg Koya, Hokibo vom Berg Daisen, Sagamibo vom Berg Ubu und Bozobo vom Berg Shoraku. Die ukiyo-e von Katsushika Hokusai (1830er Jahre) und Utagawa Kuniyoshi (1850er Jahre) der Edo-Zeit etablierten den visuellen Kanon. Der Tengu erscheint nun in der japanischen und westlichen Popkultur in Ninja Gaiden, der Teenage-Mutant-Ninja-Turtles-Reihe, in der Ikonografie der Charaktere von Demon Slayer und in vielen anderen Werken.

Schwäche

Die entscheidende Schwaeche des Tengu ist sein eigener Hochmut. Vom Konjaku Monogatari-shu an wurde der Tengu traditionell als verstorbener stolzer Moench verstanden, der in einer paradoxen theologischen Position wiedergeboren wurde: die Figur, deren Wesen Hochmut ist, ist paradoxerweise gegenueber der Suende des Hochmuts selbst verwundbar. Erzaehlungen der Kamakura- und Muromachi-Zeit zeigen oft demuetige Praktizierende, die den Stolz des Tengu uebertrumpfen, um geheime Techniken zu erlangen. Der Tengu ist auch verwundbar gegenueber den Mantren und Mudras des japanischen Buddhismus, besonders denen von Fudo Myo-o (Acala) und Bishamonten (Vaisravana), den zornigen Beschuetzern. Shugendo-Yamabushi-Rituale zur Unterwerfung der Tengu wurden als Tradition bewahrt, und japanische Bergtempel bewahren spezielle Tengu-Masken als Votivgaben auf. Die moderne japanische Redewendung hana ga takaku naru (woertlich 'die Nase wird hoch', bedeutet 'arrogant werden') leitet sich direkt von der langen Nase des Daitengu ab und zeigt, wie die Schwaeche des Tengu in die Sprache selbst eingegangen ist.

Kulturelle Bedeutung

Der Tengu ist nicht bloss ein Yokai, sondern die visuelle Verkoerperung der japanischen Bergreligion und der Shugendo-Schule der Bergaszetik. Beginnend mit dem astronomischen Phaenomen des Nihon Shoki des achten Jahrhunderts wurde die Figur im Konjaku Monogatari-shu des zwoelften Jahrhunderts als Avatar eines verdorbenen Moenches ikonisiert, dann in der Muromachi-Zeit mit dem Shugendo verschmolzen, um zur visuellen Ikone der Yamabushi-Schule zu werden. Die Koexistenz der Karasu-tengu- und Daitengu-Formen ist einer der raffiniertesten Faelle japanischer Yokai-Ikonografie, und die kanonische Hierarchie der acht grossen Berg-Tengu (Berg Kurama, Berg Atago, Berg Hira und so weiter) spiegelt das geografische System der japanischen Bergreligion direkt wider. Die ukiyo-e von Hokusai und Kuniyoshi der Edo-Zeit, die Kabuki-Tengu-Maske und die Votiv-Tengu-Malereien der Bergtempel etablierten den visuellen Kanon. Die moderne japanische Redewendung hana ga takaku naru ('die Nase wird hoch', bedeutet 'arrogant werden') zeigt die sprachliche Durchdringung der Ikonografie.

In der Popkultur

Prinz Toneri (Hrsg.), Nihon Shoki, Buch 23 (720) — fruheste japanische Referenz zum TenguKonjaku Monogatari-shu, Buch 20 (12. Jh.) — Etablierung als Avatar des verdorbenen MoenchesHeike Monogatari (13. Jh.) — Sojobo vom Berg Kurama unterrichtet Yoshitsune in der SchwertkunstYamai no Soshi, Saikyoji-Handschrift (14. Jh.) — Karasu-tengu-IkonografieKatsushika Hokusai, Tengu-ukiyo-e (1830er Jahre) — visueller Edo-KanonUtagawa Kuniyoshi, doppelseitiger Tengu-Druck (1850er Jahre) — ukiyo-e-KanonTsujita Shunkyu, Nihon Yokai Daijiten (2005) — moderner wissenschaftlicher Kanon