
Taurus
Taurus · Stierbestie — Riesiges, bulliges Wesen
Der Kretische Stier (griechisch Tauros Kretikos, lateinisch Taurus Cretensis) ist der grosse heilige Stier der griechischen Mythologie, Ziel der siebten der zwoelf Arbeiten des Herakles und der Tat des Theseus am Marathon — eines der seltenen Tiere, die in den Zyklen zweier grosser Helden zugleich erscheinen. Der Stier wurde urspruenglich von Poseidon dem Koenig Minos von Kreta als Zeichen koeniglicher Legitimitaet gesandt, mit dem Verstaendnis, dass Minos ihn dem Meergott wieder opfern werde. Minos behielt das Tier und vertauschte das Opfer; im Zorn liess Poseidon die Koenigin Pasiphae sich in den Stier verlieben. Mit einer von dem Meister Daidalos gefertigten holzernen Kuh begattete sich Pasiphae mit dem Stier und gebar den Minotaurus. Der Stier verfiel danach in Raserei und verheerte Kreta, bis Herakles ihn als seine siebte Arbeit mit blossen Haenden faengt und ueber das Meer nach Mykene bringt; freigelassen, wandert er zur Marathon-Ebene, wo Theseus ihn bezwingt und im athenischen Apollontempel opfert.
Ursprung
Die fruheste literarische Erwaehnung ist Bakchylides' Dithyrambos 17 (fuenftes Jahrhundert v. Chr.), der von Theseus' Marathon-Stier singt. Die kanonische Erzaehlung verteilt sich auf zwei Stellen der Bibliotheke des pseudo-Apollodor (erstes bis zweites Jahrhundert n. Chr.): Buch II.5.7 berichtet die siebte Arbeit des Herakles, in der der Held auf Befehl des Eurystheus nach Kreta uebersetzt, den Stier mit blossen Haenden bezwingt und ihn ueber das Meer nach Mykene faehrt; die Epitome I.5 fuehrt den Stier zur Marathon-Ebene, wo Theseus ihn faengt und in Athen opfert. Diodorus Siculus IV.13.4, Ovid Metamorphosen IX.186, Hygin Fabulae 30, 38, 40, Plutarch Theseus 14 und Pausanias Beschreibung Griechenlands I.27.10 fuellen die Legende aus. Minos' gebrochener Eid und Pasiphaes daraus folgende Leidenschaft sind am klarsten bei pseudo-Apollodor III.1.3-4 dargelegt.
Merkmale
- Ein riesiger schneeweisser heiliger Stier
- Von Poseidon dem Koenig Minos als Zeichen koeniglicher Legitimitaet gesandt
- Spaetere Varianten geben ihm feurigen Atem und Raserei
- Vater des Minotaurus durch Verbindung mit Koenigin Pasiphae
- Ziel der siebten Arbeit des Herakles
- Identifiziert mit dem Marathon-Stier, den Theseus faengt
Geschichten
Der Kretische Stier ist eine der am haeufigsten dargestellten Arbeiten des Herakles in der griechischen Kunst: schwarzfigurige und rotfigurige Vasen ab dem sechsten Jahrhundert v. Chr., die Metopen des Zeustempels von Olympia (um 460 v. Chr.) und pompejanische Wandmalereien zeigen den Helden beim Bezwingen des Stiers. In der Astronomie ist das Sternbild Stier (Taurus), das zweite Zeichen des Tierkreises, eines der aeltesten verzeichneten Sternbilder: mesopotamische Tafeln belegen es schon aus dem dritten Jahrtausend v. Chr., und Ptolemaios listet es im Almagest unter den 48 klassischen Sternbildern auf, erhalten in der modernen IAU 88. Das Sternbild wird oft mit dem weissen Stier der Europa-Entfuehrung des Zeus identifiziert, doch spaetere Mythografen verbinden es auch mit dem Kretischen Stier. Stiche von Cornelis Bos im sechzehnten und der Herakles-Zyklus von Francisco de Zurbaran im siebzehnten Jahrhundert fixierten die siebte Arbeit in der fruehneuzeitlichen europaeischen Kunst, und Disneys Hercules (1997) und die Dungeons-and-Dragons-Monsterhandbuecher halten die Figur modern.
Schwäche
Die entscheidende Schwaeche des Kretischen Stiers ist der Koerper des Helden selbst. Nach pseudo-Apollodor Bibliotheke II.5.7 faengt Herakles den Stier ohne Bogen oder Waffe, bezwingt ihn mit blossen Haenden, indem er ihm auf den Ruecken springt, und schwimmt mit ihm ueber das Meer nach Mykene. Auch Theseus bezwingt in Plutarchs Theseus 14 den Marathon-Stier mit blossen Haenden und einem einfachen Strick und fuehrt ihn als Opfer in den athenischen Tempel. Der Verzicht beider Helden auf Waffen zugunsten koerperlicher Staerke ist der moralische Kern des Mythos: selbst ein heiliges Tier weicht dem Willen des gerechten Helden, das klassische griechische Heldenpruefungsmuster in seiner reinsten Form. Eingebaut in die Legende ist zudem der theologische Mechanismus von Minos' gebrochenem Eid und Poseidons Strafe, der das Schicksal des Stiers von Anfang an festlegt.
Kulturelle Bedeutung
Der Kretische Stier ist nicht bloss ein mythisches Tier, sondern ein selten zweifach geehrtes Wesen, das sowohl in den Arbeiten des Herakles als auch in den Taten des Theseus erscheint. Die theologische Kausalkette — Minos' gebrochener Eid, Poseidons Zorn, Pasiphaes Begierde, die Geburt des Minotaurus — ist eine der gepruegtesten tragischen Strukturen des griechischen Mythos und fuehrt zum Minotaurus-Zyklus und zum Labyrinth des Daidalos. Das Sternbild Stier, schon auf mesopotamischen astronomischen Tafeln des dritten Jahrtausends v. Chr. belegt, ist seit langem ein kanonischer Marker des fruehjahres-Nordhimmels; sein alpha-Stern Aldebaran und die Sternhaufen Plejaden und Hyaden liegen im Sternbild und werden mythografisch oft als die sieben Plejaden-Schwestern gedeutet, die auf der Schulter des Stiers ruhen. In der modernen Kultur halten Disneys Hercules (1997), die Dungeons-and-Dragons-Monsterhandbuecher und der griechische Kulturtourismus die Figur lebendig.
In der Popkultur
Bakchylides, Dithyrambos 17 (5. Jh. v. Chr.) — Theseus und der Marathon-StierPseudo-Apollodor, Bibliotheke II.5.7 — kanonische siebte Arbeit des HeraklesPseudo-Apollodor, Epitome I.5 — Marathon-Stier und TheseusDiodorus Siculus IV.13.4 und Hygin Fabulae 30, 38, 40Ovid, Metamorphosen IX.186 — lateinische RezeptionPlutarch, Theseus 14 — kanonische Marathon-Stier-ErzaehlungPausanias, Beschreibung Griechenlands I.27.10 — geografische Lokalisierung