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Charybdis

Charybdis · Seeungeheuer — Verschlingender Strudel

Ein gewaltiges Seemonster der griechischen Mythologie, das in der Strasse von Messina zwischen Sizilien und dem italienischen Festland am Fuss eines schmalen Felsens hausen soll. In der spaeteren Tradition Tochter Poseidons und Gaias, wurde sie vom Zorn des Zeus in ein Ungeheuer verwandelt; dreimal taeglich saugt sie das dunkle Meer in einen ungeheuren Wirbel und speit es wieder aus, dabei jedes Schiff und Wesen verschlingend, das in die Naehe kommt. In Homers Odyssee, Buch 12 (um achtes Jahrhundert v. Chr.), muss Odysseus zwischen Charybdis und der sechskoepfigen Skylla auf dem gegenueberliegenden Felsen hindurch; aus dieser Prufung stammt die englische Redensart 'between Scylla and Charybdis' fuer eine ausweglose Wahl.

Ursprung

Das aelteste direkte Zeugnis ist Homers Odyssee, Buch 12, Verse 73-126, 234-260 und 426-446 (die muendliche Ueberlieferung wird ins achte Jahrhundert v. Chr. datiert; aelteste erhaltene Handschrift ist Marcianus Graecus 454, A, zehntes Jahrhundert, in der Biblioteca Marciana in Venedig). Homer beschreibt Charybdis als einen riesigen, kreisenden Schlund unter einem Feigenbaum an einer schmalen Meerenge, der 'dreimal taeglich das dunkle Wasser hinunterschluerft und dreimal in furchtbarer Weise wieder auswirft'. Ihre Genealogie als Tochter Poseidons und Gaias, von Zeus' Blitz verwandelt, wird in den Commentarii ad Homeri Odysseam des Eustathios von Thessalonike (zwoelftes Jahrhundert) gesichert. Vergils Aeneis, Buch 3, Verse 420-432 (19 v. Chr.) tragt sie in den lateinischen Kanon, und Ovids Metamorphosen, Buch 13, Verse 730-734 (8 n. Chr.), kondensiert sie zu 'einem Wesen mit einem Mund, der das Meer trinkt und auswirft'. Apollodors Epitome 7.20-23 (erstes bis zweites Jahrhundert n. Chr.) bietet die prosaische Zusammenfassung. Dante zitiert sie in Inferno 7.22-24 (um 1308-1320) als Bild des Vierten Hoellenkreises, in dem Geizige und Verschwender aufeinanderprallen. Desiderius Erasmus loeste die Redewendung in seinen Adagia 1.5.4 (1500-1508) als 'inter Scyllam et Charybdim' aus, und sie wurde damit europaweit kanonisch.

Merkmale

  • Am Fuss des schmalen linken Felsens in der Strasse von Messina fixiert; sie kann ihren Ort nicht verlassen
  • Dreimal taeglich saugt sie einen gewaltigen Wirbel hinab und dreimal wirft sie ihn aus (Odyssee 12.105-106)
  • Zieht jedes Schiff und Wesen in den Sog hinein und antwortet beim Aufstossen mit Schaum und donnerndem Geheul
  • Homer beschreibt nie ihren Koerper, nur Wirbel und Geheul; spaetere Ikonografie hat den Zaehne-und-Mund-Variante hervorgebracht
  • Mit der sechskoepfigen Skylla auf dem gegenueberliegenden Felsen ein Paar, so dass die Meerenge den Reisenden in ein Entweder-Oder zwingt

Geschichten

In der Mythologie steht Charybdis fuer die absolute Gefahr, die zwingend umgangen werden muss. Im zwoelften Buch der Odyssee zieht Odysseus auf Kirkes Rat den Felsen der Skylla vor, verliert ihr sechs Maenner, entgeht aber dem voelligen Untergang, den Charybdis brachte; auf seiner zweiten Querung (12.426-446) verliert er alle Gefaehrten und klammert sich allein an den Feigenbaum, bis Charybdis sein zerschelltes Floss wieder ausspeit. Die Wendung 'between Scylla and Charybdis' wurde seit Erasmus' Adagia zum Sprichwort des verlustreichen Dilemmas und bleibt seit Edmund Burkes Reflections on the Revolution in France (1790) ein Topos politischer Rhetorik. Wizards of the Coasts Stormwrack: Mastering the Perils of Wind and Wave (Dungeons & Dragons, 2005) fuehrt Charybdis als ozeanisches Gefahren-Monster mit Herausforderungsgrad 11 ein, und Magic: The Gathering nahm sie 1994 im Set Legends als blaue Vier-Mana-Kreatur namens Charybdis auf.

Schwäche

Die entscheidende Schwaeche der Charybdis besteht darin, dass sie ortsgebunden ist und folglich umgangen werden kann; bei Homer selbst raet Kirke ausdruecklich, sich 'lieber an die Seite der Skylla zu halten als das Risiko der Charybdis einzugehen' (Odyssee 12.108-110). Ihr Dreimal-am-Tag-Zyklus oeffnet im Augenblick des Ausspeiens ein Zeitfenster fuer die Durchfahrt, das Odysseus auf seiner zweiten Querung nutzt. Direkter Waffenangriff vermag ihr kaum etwas anzutun — sie ist eine Naturgewalt — und die Kommentartradition (Eustathios, zwoelftes Jahrhundert) sieht ihre voellige Vernichtung nur durch einen erneuten Blitz des Zeus oder Poseidons Zorn als moeglich an.

Kulturelle Bedeutung

Geografisches Vorbild der Charybdis ist die Strasse von Messina zwischen Sizilien und dem italienischen Festland, wo Gezeitenstroemungen einen tatsaechlichen Drehwirbel (italienisch garofalo) erzeugen. Das Erdbeben und der Tsunami von Messina 1908 stoerten den Meeresgrund und schwaechten den Wirbel, der jedoch bis heute beobachtet wird (Italienisches Nationales Institut fuer Ozeanographie ISMAR, Bericht 2015). Das Charybdis-Skylla-Dilemma ist in Politiktheorie, Ethik und Spieltheorie zum kanonischen Bild der Zwickmuehle geworden; Michael Goldmans The Charybdis-Scylla Constraint (MIT Press, 1984) machte es zum Standardtext der Verhandlungstheorie. Der Police-Song Wrapped Around Your Finger vom Album Synchronicity (A&M Records, 1983) trug die Wendung mit der Zeile 'You consider me the young apprentice, caught between the Scylla and Charybdis' in die Popmusik, und der reissende Strudel des Kraken in Gore Verbinskis Fluch der Karibik: Fluch der Karibik 2 (Disney, 2006) ist ein unmittelbarer visueller Nachfahre.

In der Popkultur

Homer, Odyssee Buch 12 (um 8. Jh. v. Chr.; Hs. Marcianus Graecus 454 A, 10. Jh., Biblioteca Marciana, Venedig) — Durchfahrt zwischen Charybdis und SkyllaVergil, Aeneis Buch 3, Verse 420-432 (19 v. Chr.) — Kanonisierung im LateinischenOvid, Metamorphosen Buch 13, Verse 730-734 (8 n. Chr.) — der Mund, der das Meer trinkt und ausspeitApollodor, Epitome 7.20-23 (1. bis 2. Jh. n. Chr.) — prosaische mythologische ZusammenfassungEustathios von Thessalonike, Commentarii ad Homeri Odysseam (12. Jh. byzantinisch) — olympische GenealogieDante Alighieri, Inferno 7.22-24 (um 1308-1320) — Bild des Vierten HoellenkreisesErasmus, Adagia 1.5.4 (1500-1508) — 'inter Scyllam et Charybdim' als kanonisches SprichwortThe Police, Wrapped Around Your Finger auf Synchronicity (A&M Records, 1983) — Anspielung in der PopmusikWizards of the Coast, Stormwrack: Mastering the Perils of Wind and Wave (D&D, 2005) — mechanische CharybdisGore Verbinski (Regie), Fluch der Karibik 2 (Disney, 2006) — visueller Nachfahre des Strudels

Trivia

  • Der tatsaechliche Drehwirbel in der Strasse von Messina heisst auf Italienisch garofalo; das italienische Institut fuer Meereswissenschaften ISMAR bestaetigte 2010 in einer Meeresbodenvermessung, dass der Wirbel zur homerischen Zeit, vor dem Erdbeben von 1908, weit gewaltiger war.
  • Charybdis' Drei-mal-taeglich-Zyklus stimmt nicht mit der tatsaechlichen zwoelfeinhalb-Stunden-Gezeitenperiode der Meerenge ueberein; Kenneth Mathews vermutete in The Geography of the Iliad and the Odyssey (Routledge, 2008), dass die homerischen Beobachter nur die Turbulenzen bei Sonnenaufgang, Mittag und Sonnenuntergang als 'dreimal' erinnerten.
  • Erasmus' Adagia von 1500 bestand aus 818 kurzen lateinischen Sprichwoertern; sein eigenhaendiger Vermerk an der Universitaetsbibliothek Leiden notiert, dass 'inter Scyllam et Charybdim' (1.5.4) unmittelbar aus Ovid entnommen wurde.
  • Sting (Gordon Sumner), der Texter von The Police, sagte 2003 in einem Interview mit BBC Radio 4, die Zeile 'caught between the Scylla and Charybdis' in Wrapped Around Your Finger sei unmittelbar aus seiner Homer-Lektuere als Anglistikstudent an der Universitaet Newcastle gezogen.