
Plattenpanzer
Ganzkörper-Stahlrüstung des mittelalterlichen Ritters
Der Plattenpanzer ist die Ganzkoerperruestung des europaeischen Ritters, die den Traeger von Kopf bis Fuss in geformte Stahlplatten huellt und im 15. Jahrhundert vollendet wurde. Etwa 1 bis 2 mm dicke Stahlplatten wurden der Koerperrundung nach getrieben und mit Nieten, Scharnieren und inneren Lederriemen verbunden, um den ganzen Koerper zu decken, wobei die glatten gewoelbten Flaechen eine herabfahrende Klinge zur Seite gleiten liessen. Das Gesamtgewicht betrug etwa 20 bis 30 kg, doch gleichmaessig ueber den ganzen Koerper verteilt, sodass ein geuebter Ritter darin laufen, aufs Pferd steigen und sich sogar rollen konnte. Doch die Luecken, die die Platten nicht erreichten, etwa Achseln und Leiste, wurden mit Kettengeflecht gefuellt, und darunter musste ein gepolstertes Gewand (das Arming Doublet) getragen werden, um den Stoss aufzunehmen, sodass die Ruestung ein ganzes System war. Der italienische Mailaender und der deutsche gotische waren ihre zwei grossen Stile, und da jeder Harnisch massgefertigt war, kostete ein einzelner Satz gewaltigen Aufwand und viele Monate.
Ursprung
Der Plattenpanzer gilt als im spaeten 14. Jahrhundert in Europa erschienen, um die Grenzen des Kettengeflechts zu ueberwinden. Weil Kettengeflecht gegen den Stich, die stumpfe Waffe und den starken Bogen und die Armbrust schwach war, begann er als Uebergangsform, die Kettengeflecht mit Platten verstaerkte, und entwickelte sich allmaehlich zur vollstaendigen Form, die den ganzen Koerper in Platte huellte. Seine Kunst erreichte ihren Hoehepunkt im 15. Jahrhundert, als Mailand in Italien und Nuernberg und Augsburg in Deutschland zu den zwei grossen Zentren der Fertigung aufstiegen, jedes seinen eigenen Stil verfeinernd. Der glatte, gerundete italienische Mailaender und der schlanke, spitze, geriefte deutsche gotische sind die Hauptbeispiele, und jeder Harnisch wurde auf Bestellung gefertigt, dem Koerper dessen angepasst, der ihn tragen wuerde.
Merkmale
- Ganzkoerperschutz aus etwa 1 bis 2 mm dicken Stahlplatten
- Kunstvoller Zusammenbau, der die Platten mit Nieten und Scharnieren verbindet
- Gesamtgewicht von 20 bis 25 kg ueber den Koerper verteilt, Beweglichkeit erhaltend
- Zwei Hauptstile, der Mailaender und der deutsche gotische
- Genaue Gelenke an den Gliedern, die den Bewegungsraum sichern
- Standardmaessig massgefertigt, Monate bis zur Vollendung
Geschichten
Der Plattenpanzer war die Standardkampfausruestung des spaetmittelalterlichen Ritters, gebraucht sowohl im berittenen Lanzenstechen wie in der wirklichen Schlacht. Die glatten gewoelbten Flaechen liessen Hiebe, viele Stiche und Pfeile auf Entfernung zur Seite gleiten und schuetzten den Traeger beinahe ohne Luecke. Daher kaempfte man gegen einen in Platte gehuellten Ritter, indem man die Klinge kurz griff und auf die Luecken stach (das Halbschwert) oder mit der Streitaxt und dem Streithammer Stoesse versetzte und ihn an den Gelenken von den Fuessen riss. Zum Anlegen trug man darunter ein Arming Doublet und fuellte die Luecken mit Kettengeflecht, dann schnallte man mit Hilfe eines Knappen die Stuecke der Reihe nach an, von den Beinen ueber Rumpf und Arme bis zum Kopf.
Schwäche
Die Schwaechen des Plattenpanzers sind die Luecken, die Feuerwaffen und die Kosten. Wie gut auch gefertigt, blieben Luecken, wo die Platten nicht hinreichten, etwa Achseln, Leiste, Innenseite des Ellbogens und der Sehschlitz des Helms, und eine schmale Spitze, genau hineingestochen, konnte sich zwischen sie hindurcharbeiten. Vor allem, als die Pulverwaffen sich entwickelten, antwortete die Platte zuerst, indem sie dick genug gemacht wurde, eine Kugel aufzuhalten, 'beschossene' Ruestung, doch je staerker die Geschuetze wurden, desto weniger konnte sie standhalten. Die schlechte Lueftung, die den Traeger in der Hitze rasch ermuedete, und die gewaltigen Kosten eines einzelnen Satzes, die nur die Oberschicht tragen konnte, waren ebenfalls Grenzen.
Kulturelle Bedeutung
Der Plattenpanzer ist das sinnbildlichste Bild des mittelalterlichen Ritters und der Gipfel, den das Ruestungshandwerk erreichte. Die polierte, glaenzende 'weisse Ruestung' war ein Sinnbild, das auf einen Blick das Ansehen, den Reichtum eines Ritters und die Ehre seines Hauses zeigte. Oft heisst es, 'ein Ritter in Ruestung sei zu schwer gewesen und habe mit einem Kran aufs Pferd gehoben werden muessen', doch dies ist ein spaeterer Irrtum: ein Ritter in einem passenden Harnisch, dessen Gewicht ueber den ganzen Koerper verteilt war, war flink genug zu laufen und sich zu rollen. Nach dem 16. Jahrhundert trieben die Entwicklung der Feuerwaffen und der Wandel zur Massen-Infanterietaktik die volle Ruestung vom Schlachtfeld, doch der Brustpanzer, der Kuerass, ueberdauerte und wurde weit laenger getragen.
In der Popkultur
Der Plattenpanzer erscheint als die sinnbildliche Ruestung des Ritters in beinahe jedem Film, Drama und Spiel ueber das Mittelalter und die Fantasy. Der in glaenzende volle Platte gehuellte Ritter wird als gebieterischer Held oder maechtiger Feind gezeichnet, und in Spielen siedelt er sich gewoehnlich als die hoechste Stufe der Ruestung an. In der Fiktion wird die Ruestung jedoch oft als viel zu schwer und unbeholfen dargestellt, oder das darunter getragene gepolsterte Gewand und das die Luecken fuellende Kettengeflecht werden weggelassen, was das wirkliche System ihres Tragens vereinfacht.
Trivia
- Die Geschichte, 'ein Ritter in Ruestung habe mit einem Kran aufs Pferd gehoben werden muessen', ist ein spaeterer Irrtum; ein Ritter in einem passenden Harnisch, dessen Gewicht ueber den ganzen Koerper verteilt war, war flink genug zu laufen und sich zu rollen.
- Der italienische Mailaender Stil ist durch glatte, gerundete grosse Platten gekennzeichnet, der deutsche gotische durch eine schlanke, spitze, gerieferte Gestalt, wobei die zwei Stadtgebiete die grossen Zentren der Fertigung waren.
- Als die Pulverwaffen staerker wurden, antwortete die Ruestung eine Zeitlang, indem sie dick genug gemacht wurde, eine Kugel aufzuhalten, 'beschossen', doch am Ende zog sich die volle Ruestung zurueck und nur der die Brust schuetzende Kuerass ueberdauerte lange.