
Lamellenpanzer
Rüstung aus geschnürten Metallplättchen
Der Lamellenpanzer ist eine Ruestung aus kleinen, meist rechteckigen Plaettchen, den Lamellen, die durchlocht und mit Schnueren oder Lederriemen unmittelbar miteinander verschnuert werden. Anders als der Schuppenpanzer, der seine Schuppen auf einer Unterlage aus Stoff oder Leder befestigt, hat der Lamellenpanzer gar keine Unterlage: die Plaettchen selbst werden in Reihen senkrecht wie waagerecht verschnuert und bilden so die Struktur. Die harten Plaettchen ueberlappen dicht und halten Hiebe und Pfeile ab, waehrend die verschnuerten Gelenke sich biegen und den Bewegungen des Koerpers folgen. Er entstand in Ost- und Zentralasien und verbreitete sich ueber ganz Eurasien; der japanische O-yoroi, der Lamellenpanzer des koreanischen Goguryeo, das byzantinische Klibanion und die Ruestung der mongolischen Reiter sind allesamt so gebaut. Die Lamellen konnten aus Eisen, Bronze, gehaertetem (lackiertem) Leder, Horn oder Knochen bestehen, und mit etwa 15 bis 20 kg stand die Ruestung dem Plattenpanzer im Gewicht kaum nach. Ein beschaedigtes Plaettchen liess sich einfach neu verschnueren und ersetzen, was die Reparatur erleichterte, doch die Verschnuerung selbst verlangte staendige Pflege.
Ursprung
Man nimmt an, dass der Lamellenpanzer vor der Zeitenwende im alten Vorderen Orient und in Zentralasien entstand und sich in mehreren Regionen Eurasiens unabhaengig entwickelte. Besonders die Reitervoelker der zentralasiatischen Steppe und Ostasien nahmen ihn auf, wo er zur Hauptruestung Chinas, Koreas und Japans wurde. In Korea ist eiserner Lamellenpanzer in den Graebern und Grabmalereien von Goguryeo und Gaya bezeugt, und in Japan entwickelten sich vom Heian-Zeitalter an Lamellenruestungen wie der O-yoroi und der Do-maru. Nach Westen reichte er bis ins sassanidische Persien und ins Byzantinische Reich (das Klibanion) und spaeter zur Reiterei des Mongolenreichs: diese Art, Plaettchen miteinander zu verschnueren, verbreitete sich entlang der Steppenwege ueber den Kontinent.
Merkmale
- Rechteckige Lamellen unmittelbar miteinander verschnuert
- Keine Stoffunterlage, anders als beim Schuppenpanzer
- Weit verbreitet in Ostasien, Zentralasien und Byzanz
- Etwa 15 bis 20 kg, vergleichbar mit dem Plattenpanzer
- Leicht zu reparieren durch Ersatz eines Plaettchens
- Lamellen aus Eisen, Bronze, Leder oder Horn
Geschichten
Der Lamellenpanzer war die Hauptruestung berittener Krieger und schwerer Fusssoldaten, ueber einem gepolsterten Gewand getragen, um Rumpf und Schultern und bisweilen die Schenkel zu decken. Da die verschnuerten Lamellen an jedem Gelenk nachgeben, bewegte sich die Ruestung selbst bei den weiten Bewegungen des Bogenschiessens oder der Lanzenfuehrung zu Pferde mit dem Koerper und wehrte doch Hiebe und Pfeile ab. Der Aufbau aus in Reihen verschnuerten Plaettchen machte es leicht, Laenge und Breite einem Traeger anzupassen, und ein beschaedigter Abschnitt liess sich ausbessern, indem man nur jene Plaettchen aufschnuerte und neue einsetzte. Die Heere Ostasiens, der Steppe und von Byzanz nutzten ihn lange neben Kettenpanzer und Schuppenpanzer.
Schwäche
Die groesste Schwaeche des Lamellenpanzers ist die Verschnuerung, die die Plaettchen zusammenhaelt. Reissen die Schnuere, so loesen sich die Lamellen jenes Abschnitts auf einmal und die Schutzstruktur bricht zusammen, weshalb die Verschnuerung regelmaessig erneuert werden musste. Natuerliche Schnuere wie die Seidenverschnuerung japanischer Ruestungen sogen Regen und Blut auf, wurden schwer und trockneten langsam; bei Kaelte froren sie, und Schmutz und Ungeziefer setzten sich leicht zwischen ihnen fest. Darum bevorzugten die Mongolen wasserbestaendige Lederschnuere, und in spaeteren Zeiten gingen die Ruestungsschmiede dazu ueber, die Plaettchen mit Nieten und Scharnieren statt mit Schnur zu verbinden.
Kulturelle Bedeutung
Der Lamellenpanzer ist die kennzeichnende Ruestungsform der Kulturen Ostasiens und der eurasischen Steppe. Da verschnuerte Plaettchen mit Schnueren von verschiedener Farbe und Musterung dem Koerper, dem Rang und der Region des Traegers angepasst geschmueckt werden konnten, stieg der japanische O-yoroi zum Kunstwerk auf, das die Foermlichkeit und das Schoenheitsempfinden eines Kriegers ausdrueckte. Als die ostasiatische Ruestung jedoch im Westen bekannt wurde, fasste man sie oft pauschal als 'Schuppenpanzer' zusammen, obgleich Schuppe (auf einer Unterlage befestigt) und Lamelle (unmittelbar verschnuert) streng zu unterscheidende Verfahren sind. Heute ist der Lamellenpanzer in Historiendrama und Spielen zum sinnbildlichen Aussehen des oestlichen Kriegers geworden.
In der Popkultur
Der Lamellenpanzer erscheint weithin in ostasiatischen Historiendramen, in Werken ueber Krieger und Reitervoelker der Steppe und in der Fantasy. In japanischen Samuraifilmen und Spielen wird der bunt verschnuerte O-yoroi als Sinnbild des Kriegers dargestellt, und auch in Werken mongolischer oder altkoreanischer Umgebung tritt verschnuerter Lamellenpanzer auf. In Spielen dient er oft als Ruestung mittlerer Stufe zwischen Kettenpanzer und Plattenpanzer oder als Ruestung oestlicher Art. In der Fiktion werden Lamellen- und Schuppenpanzer jedoch oft nicht unterschieden, und das tatsaechliche bauliche Detail der miteinander verschnuerten Plaettchen wird haeufig nicht genau wiedergegeben.
Trivia
- Der Lamellenpanzer unterscheidet sich vom Schuppenpanzer: der Schuppenpanzer befestigt seine Schuppen auf einer Unterlage aus Stoff oder Leder und wird wie ein Gewand getragen, waehrend der Lamellenpanzer keine Unterlage hat und kleine Plaettchen unmittelbar miteinander verschnuert, um die Struktur selbst zu bilden; beide wurden oft verwechselt, als die ostasiatische Ruestung im Westen bekannt wurde.
- Der japanische O-yoroi und Do-maru sind Lamellenruestungen aus lackierten Eisen- und Lederplaettchen (Kozane), die mit Seiden- oder Lederschnueren (Odoshi) verschnuert sind, wobei Farbe und Muster der Verschnuerung die Foermlichkeit eines Kriegerhauses ausdrueckten und ein kuenstlerisches Element bildeten.
- Die chronische Schwaeche des Lamellenpanzers war die Verschnuerung der Plaettchen: Seidenschnuere sogen Regen und Blut auf, wurden schwer, trockneten langsam und froren oder beherbergten Ungeziefer, weshalb die Mongolen wasserbestaendige Lederschnuere bevorzugten und spaetere Zeiten dazu uebergingen, die Plaettchen mit Nieten und Scharnieren zu verbinden.