
Plattenrock
Übergangsrüstung mit in Stoff eingelassenen Metallplatten
Der Plattenrock (coat of plates, auch pair of plates) ist die Uebergangsruestung, die im Europa von der Mitte des 13. bis zum spaeten 14. Jahrhundert aufkam, in einer Zeit, in der das Kettenhemd allein den Stoss von Pfeilen und Schwertspitzen nicht mehr ganz auffangen konnte. Im Inneren eines Rockes aus Tuch oder Leder waren mehrere eiserne Platten gross und klein mit Nieten befestigt, und aussen waren die Wappen der Familie gemalt, sodass er von aussen wie ein gewoehnlicher Waffenrock (surcoat) aussah, im Inneren aber verborgene Platten Brust, Ruecken und Flanken deckten. Die Reihenfolge des Anlegens war fest: darunter trug der Mann einen dicken gepolsterten Gambeson, darueber das Kettenhemd, und darueber den Plattenrock. Diese drei Schichten zusammen bildeten den Standard des Ritters des 13. Jahrhunderts, und mit einem grossen Topfhelm obenauf ist dies die Gestalt des Ritters, die in den illuminierten Handschriften und in der Grabskulptur jener Zeit am haeufigsten erscheint.
Ursprung
Es gibt in der Wissenschaft keine in eine einzige Linie gesetzte Antwort auf den Ursprung des Plattenrocks, und es wird gesehen, dass der Einfluss, der im spaeten 12. Jahrhundert aus dem Osten kam, und die Linie im Westen, die das Innere des gepolsterten Rockes seit dem 11. und 12. Jahrhundert mit kleinen Eisenplatten verstaerkt hatte, in der Gestalt zusammenflossen, die in der Mitte des 13. Jahrhunderts Fuss fasste. Das erste durchgehende Stueck der Bezeugung ist die Statue des heiligen Mauritius am Dom zu Magdeburg von etwa 1250, auf der ein einzelner Plattenrock ueber dem Kettenhemd mit Sorgfalt gemeisselt ist. Von der Mitte des 13. Jahrhunderts an wuchs derselbe Aufzug fast hundert Jahre lang in der Grabskulptur und in den illuminierten Handschriften ganz Europas, und an der grossen Begraebnisstaette der Schlacht bei Wisby auf der schwedischen Insel Gotland von 1361 wurden so viele wie 25 wirkliche Plattenroecke ans Licht gebracht, 1939 im genauen Werk Bengt Thordemans geordnet. Im spaeten 14. Jahrhundert, als die Plattenkunst wuchs und Brust und Ruecken zu einer einzigen grossen Platte wurden, brach der Plattenrock in zwei Linien auseinander: die grosse Platte lief als ein Paar Kuerasse weiter, und die Linie, in der die kleinen Platten gesammelt waren, wuchs zur Brigantine mit derselben aeusseren Gestalt.
Merkmale
- Eiserne Platten verschiedener Groesse, mit Nieten im Inneren eines Rockes aus Tuch oder Leder befestigt
- Anzug, in dem er ueber dem Kettenhemd getragen wurde, sodass zwei Schichten Schutz entstanden
- Verdeckter Bau, dessen Aussenseite, mit den Wappen der Familie bemalt, wie ein gewoehnlicher Waffenrock aussah
- Wirkliche Stuecke, in grosser Zahl an der Begraebnisstaette der Schlacht bei Wisby (1361) ans Licht gebracht
- Direkter Vorfahre des einen grossen Kuerass und der kleinplattigen Brigantine
- Ein wissenschaftlicher Massstab, gesetzt durch die Typologie der Wisby-Roecke von Bengt Thordeman in Schweden
Geschichten
Der Plattenrock war die Verstaerkungsruestung, die angelegt wurde, um eine weitere Schicht Deckung ueber Brust und Ruecken des Ritters und des schweren Fussvolks des 13. und 14. Jahrhunderts zu legen. Der dreischichtige Anzug aus gepolstertem Gambeson, Kettenhemd darueber und Plattenrock darueber nahm den Stoss von Pfeilen und Schwertspitzen Schicht fuer Schicht auf und verteilte ihn, und gegen einen Hieb, der immer wieder an derselben Stelle traf, stand die innere Platte als letzte Stuetze und milderte die Tiefe, die ins Fleisch reichte. Von den 25 wirklichen Plattenroecken, die an der Begraebnisstaette der Schlacht bei Wisby 1361 ans Licht gebracht wurden, lagen viele noch am Koerper zusammen mit dem Kettenhemd, und Pfeilspitzen und Schwertzeichen wurden an denselben Stellen eingeschlagen gefunden, und so stehen sie als greifbare Bezeugung dessen, wie weit der Plattenrock dem wachsenden Langbogen und dem schweren Streitflegel standhielt. Dieselbe Ruestung wurde auch im Turnier und im Zeremoniell getragen, wo die Wappen der Familie auf ihrer Aussenseite klar hervorstanden, und so trug sie die Identitaet des Ritters und seinen Schutz innerhalb eines einzigen Rockes.
Schwäche
Die Schwaeche des Plattenrocks war die natuerliche Frucht seines Gewebes. Da kleine Eisenplatten im Inneren eines Tuches vernietet waren, nahm jede Platte den Stoss fuer sich, aber die Kraft, einen schweren Hieb, der immer wieder an einer Stelle traf, mit einer einzigen Flaeche aufzunehmen, war geringer als die der spaeteren einzelnen grossen Plattenkuerass. Die Schultern, die Flanken und die Beine mussten dem Kettenhemd darunter anvertraut werden, und so fiel, als der Schutz der Front fester wurde, mehr Gewicht auf die anderen Stellen. Das Tuch und das Leder, wenn sie Regen nahmen, lockerten sich und konnten die innere Eisenplatte nicht mehr tragen, und wenn ein Niet an einer Stelle locker wurde, hing die Platte an jener Stelle frei und das Korn des Schutzes brach. So begannen die Ruestungsmeister von der Mitte des 14. Jahrhunderts, eine einzelne grosse Platte zu machen, die die ganze Brust trug, und innerhalb einer Generation sammelte sie den Platz des Plattenrocks ein.
Kulturelle Bedeutung
Der Plattenrock ist die entscheidende Bruecke in der Geschichte der europaeischen Ruestung zwischen dem Zeitalter des Kettenhemdes und dem Zeitalter der Platte, und aus den kleinen Platten in seinem Inneren wuchsen die zwei Linien des einen grossen Plattenkuerass und der Brigantine Seite an Seite. Die Statue des heiligen Mauritius am Dom zu Magdeburg von etwa 1250 ist die Schnitzerei, die diese Ruestung zur Zeit ihres Fussfassens am klarsten zeigt, und derselbe Anzug wurde auf das Grab Roberts I. von Schottland der 1330er Jahre und auf viele Grabskulpturen Englands und Frankreichs gemeisselt. Doch keine Quelle ist klarer als die Begraebnisstaette der Schlacht bei Wisby von 1361, wo die Bauern und Buerger, die der Heereszug Waldemars IV. von Daenemark stellten, zusammen begraben wurden, und von der 25 wirkliche Plattenroecke zusammen mit Kettenhemden, Aexten und Speeren ans Licht gebracht und 1939 in Bengt Thordemans Armour from the Battle of Wisby 1361 den Gelehrten bekannt gemacht wurden. Heute werden die wirklichen Stuecke im Historischen Museum zu Stockholm und im Gotlands Museum in Visby bewahrt und zeigen an einem Ort den Wandel der europaeischen Ruestung eines Jahrhunderts.
In der Popkultur
Der Plattenrock erscheint in Filmen, Historiendramen und Spielen ueber das 13. und 14. Jahrhundert als die einzelne Flaeche auf der Brust des Ritters in Kettenhemd und Topfhelm. In Koenigreich der Himmel (2005) sind unter den Kreuzrittern einige mit dem Plattenrock gezeichnet, der mit den Familienwappen ueber der Brust bemalt ist, und in Braveheart (1995) sind die schottischen Ritter des 14. Jahrhunderts in demselben Anzug gezeichnet. In Brett- und Strategiespielen wie Crusader Kings III, Mount & Blade II: Bannerlord und Kingdom Come: Deliverance, das im Boehmen des 15. Jahrhunderts spielt, wird der Wandel von Kettenhemd zu Plattenrock und Brigantine mit angemessener Treue gehalten, und im Museum zeigen die wirklichen Funde aus Wisby im Historischen Museum zu Stockholm den Anzug des Ritters jener Zeit am klarsten. Filme zeichnen jedoch oft den Ritter des 13. Jahrhunderts in der vollen Platte des 14. und uebersehen so oft den Platz des Plattenrocks ganz und gar.
Trivia
- In der Schlacht bei Wisby auf der schwedischen Insel Gotland 1361, wo etwa 1800 Bauern und Buerger, die der Heereszug Waldemars IV. von Daenemark stellten, zusammen begraben wurden, brachte die Begraebnisstaette 25 wirkliche Plattenroecke ans Licht, die 1939 im genauen Werk Bengt Thordemans den Gelehrten bekannt gemacht wurden.
- Von der Mitte des 14. Jahrhunderts brach der Plattenrock in zwei Linien auseinander, in den einen grossen Plattenkuerass, der die ganze Brust mit einer Flaeche trug, und in die Brigantine, die dieselbe aeussere Gestalt behielt und im Inneren noch kleinere Platten dichter sammelte, und so ist er am Ende die gemeinsame Mutter zweier der grossen Ruestungslinien des spaeteren Zeitalters.
- Um die Mitte des 13. Jahrhunderts erscheint in den englischen und franzoesischen Schriften zum ersten Mal das Wort 'pair of plates', ein Name, der davon kam, dass zwei grosse Platten als Paar ueber Brust und Ruecken gesetzt waren, und der zeigt, dass dieselbe Ruestung in derselben Zeit mit zwei verschiedenen Namen genannt wurde.