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Fischvolk

Fishfolk · Das Tiefsee-Fischvolk — Wilde Stämme des Abgrunds

Ein Volk mit beschuppten Koerpern, Flossen und Kiemen, wilder und kriegerischer als die anmutigen Meermenschen, das in lichtlosen Tiefseegraeben und versunkenen Staedten Staemme bildet. Sie tragen Dreizack und Harpune, Netz und Tiefseezauber und huldigen alten Goettern von Sturm und Flut. Die Gestalt geht auf den semitischen Fischgott Dagon (ugaritische Tafeln aus Ras Shamra, um 1400 v. Chr.) zurueck, wurde durch H. P. Lovecrafts Deep Ones in The Shadow over Innsmouth (Visionary Publishing, 1936) neu gepraegt und erhielt ihr modernes Bild im Film Creature from the Black Lagoon (Universal Pictures, 1954); Dungeons & Dragons spaltete sie in das Greyhawk-Supplement (TSR, 1975) und das Monster Manual (TSR, 1977) in die Sahuagin und die Kuo-toa auf.

Ursprung

Die religioese Quelle der Fischmenschen ist der semitische Fischgott Dagan oder Dagon, zuerst als Korn- und Fruchtbarkeitsgott in den ugaritischen Tafeln von Ras Shamra bezeugt (bei Latakia, Syrien, um 1400 v. Chr., heute im Louvre und im Nationalmuseum Damaskus). Dagon war der Hauptgott der philistaeischen Staedte Aschdod und Gaza, und im Ersten Buch Samuel 5:1-7 stuerzt seine Statue vor der Bundeslade Yahwehs, sodass nur Haende und Kopf erhalten bleiben. Der Renaissance-Gelehrte Pierre-Daniel Huet vermutete in seiner Demonstratio evangelica (Paris, 1700), Dagon sei ein fischschwaenziger Mann-Gott gewesen — ein ikonographischer Fehler, der sich im neunzehnten Jahrhundert in der englischen Gelehrsamkeit festsetzte. H. P. Lovecrafts Erzaehlung Dagon (The Vagrant, November 1919) und die Novelle The Shadow over Innsmouth (Visionary Publishing, Everett, PA, 1936) festigten die Deep Ones, ein hybrides Meervolk der massachusettischen Kueste, das Father Dagon, Mother Hydra und den traeumenden Cthulhu verehrt. August Derleths Cthulhu-Mythos-Erweiterungen ueber Arkham House (ab 1939) verhaerteten den Kanon, und Jack Arnolds Film Creature from the Black Lagoon (Universal Pictures, 1954) lieferte die heutige visuelle Sprache: beschuppte Haut, Kiemen, Schwimmhaeute, Krallenhaende. Gary Gygax fuehrte in Dungeons & Dragons Supplement I: Greyhawk (TSR, 1975) und Supplement II: Blackmoor die Sahuagin und die Kuo-toa ein; das Monster Manual (TSR, 1977) nannte die Sahuagin Sea Devils, wilde Jaeger, waehrend die Kuo-toa zum kanonischen verrueckten Priestervolk der Tiefen wurden.

Merkmale

  • Beschuppte Haut in Gruen, Grau, Violett oder Schwarz, mit Rueckenflossen und Schwimmhautfuessen
  • Kiemen am Hals zusammen mit Lungen, atmen unter Wasser und an Land (Trockenheit schwaecht sie aber)
  • Staemme in tiefen Graeben, versunkenen Staedten oder Unterwasserseen: Sahuagin-Korallenpalaeste, Kuo-toa-Seetempel, Lovecrafts Y'ha-nthlei
  • Dreizack, Harpune, Netz und Tiefseezauber (Druck, Dunkelsicht)
  • Alte Fischgoetter: Dagon und Mother Hydra (Lovecraft), Sekolah der Haigott (Sahuagin), Blibdoolpoolp die Hummergoettin (Kuo-toa)

Geschichten

Fischmenschen erscheinen als Bedrohung der Tiefsee, als wilde Plünderer der Kuesten und als isolierter Rest einer aelteren Welt. Lovecrafts Innsmouth in The Shadow over Innsmouth erzaehlt die Tragoedie einer Stadt, deren Hybride aus Mensch und Deep One ueber Generationen zu Fischmenschen werden — eine Erzaehlung, die in der Kritik lange als Metapher fuer Aussenseiterangst und Rassenfurcht gelesen wird. Die Sahuagin der fuenften D&D-Edition bleiben die grosse Hochsee-Bedrohung und wurden in Volo's Guide to Monsters (2016) zur Spielerrasse erhoben. Guillermo del Toros The Shape of Water (Fox Searchlight, 2017) gewann mit dem Fischmann The Asset den Oscar fuer den besten Film, und Magic: The Gathering besetzt mit den Stammen Locathah und Cephalid die gleiche Nische am Kartentisch.

Schwäche

Trockenheit ist die grosse Schwaeche: verliert die Haut Feuchtigkeit, brechen Atem und Bewegung zusammen, und die Sahuagin der fuenften D&D-Edition verlieren die Haelfte ihrer Aktionen, wenn sie einen ganzen Tag lang nicht im Wasser sind (Monster Manual 2014, S. 263). Sie sind verschlossen und kriegerisch, und die fanatische Hingabe an Dagon, Sekolah oder Blibdoolpoolp blockiert vernuenftige Buendnisse. Direktes Sonnenlicht stumpft die Sicht der Kuo-toa ab, und die Rudelabhaengigkeit macht Deep Ones psychisch verletzlich, wenn sie vom Schwarm getrennt sind. Schliesslich untergraebt das Motiv des 'Innsmouth Look' — dass Misch-kinder allmaehlich zu Fischmenschen werden — die Grundlage jeden Vertrauens mit Verbuendeten an Land.

Kulturelle Bedeutung

Die Fischmenschen-Tradition verlaeuft vom semitischen Fischkult ueber einen gelehrten Irrtum des neunzehnten Jahrhunderts (den fischschwaenzigen Dagon) bis zur kosmischen Horror-Schoepfung Lovecrafts im fruehen zwanzigsten Jahrhundert. Lovecraft modellierte Innsmouth nach seinen Besuchen in Marblehead 1923 und Newburyport im Juli 1927; sein in der John Hay Library der Brown University verwahrtes Tagebuch beschreibt letzteres als 'a town where decay has stopped time'. Donald R. Burlesons H. P. Lovecraft: A Critical Study (Greenwood Press, 1983) und S. T. Joshis I Am Providence (Hippocampus Press, 2010) lesen die Deep Ones als Projektion von Lovecrafts nativistischen und rassischen Aengsten. Schriftsteller des einundzwanzigsten Jahrhunderts antworten aus schwarz-amerikanischer Perspektive: Victor LaValles The Ballad of Black Tom (Tor.com, 2016) und Matt Ruffs Lovecraft Country (HarperCollins, 2016, HBO-Adaption 2020) schreiben das Innsmouth-Motiv neu. In Japan setzt Hayao Miyazakis Ponyo (Studio Ghibli, 2008) das Fischmenschen-Motiv als Kindermaerchen um.

In der Popkultur

Ugaritische Ras-Shamra-Tafeln (um 1400 v. Chr., Syrien) — frueheste direkte Bezeugung DagonsErstes Buch Samuel 5:1-7 (kompiliert um 6. Jh. v. Chr.) — Sturz des Dagon-Standbildes in AschdodPierre-Daniel Huet, Demonstratio evangelica (Paris, 1700) — Vermutung eines fischschwaenzigen DagonH. P. Lovecraft, Dagon (The Vagrant, November 1919) und The Shadow over Innsmouth (Visionary Publishing, 1936) — Deep OnesJack Arnold (Regie), Creature from the Black Lagoon (Universal Pictures, 1954) — moderner visueller KanonGary Gygax, Dungeons & Dragons Supplement I: Greyhawk (TSR, 1975) und Advanced Dungeons & Dragons Monster Manual (TSR, 1977) — Sahuagin und Kuo-toaWizards of the Coast, Volo's Guide to Monsters (2016) — Sahuagin als SpielerrasseGuillermo del Toro (Regie), The Shape of Water (Fox Searchlight, 2017) — Oscar fuer den besten FilmVictor LaValle, The Ballad of Black Tom (Tor.com, 2016) und Matt Ruff, Lovecraft Country (HarperCollins, 2016) — schwarz-amerikanische NeudeutungenHayao Miyazaki (Regie), Ponyo (Studio Ghibli, 2008) — kindgerechte Umdeutung der Fischmenschen

Trivia

  • Die Ausgrabungen Moshe Dothans in Aschdod ab 1962 (Area G) deckten einen spaetbronzezeitlichen Tempel auf, der dem philistaeischen Dagon-Kult zugeschrieben wird; eine fischschwaenzige Ikonographie des Gottes blieb dabei aus, was den 'fischschwaenzigen Dagon' als Artefakt von Pierre-Daniel Huets Missdeutung von 1700 bestaetigt.
  • Im Tagebuchmanuskript Lovecrafts in der John Hay Library der Brown University beschreibt ein Eintrag vom Juli 1927 Newburyport als 'a town where decay has stopped time' — allgemein als Keim Innsmouths verstanden.
  • Gary Gygax erinnerte sich in einem Interview im Dragon Magazine Nr. 158 (1990), den Namen Sahuagin bewusst gewaehlt zu haben, weil die Silbentrennung 'sa-hu-AH-gin' schwer auszusprechen sei.
  • Designer Mike Hill sagte in einem Interview beim Toronto International Film Festival 2017 mit Guillermo del Toro, das Aussehen des Asset in The Shape of Water sei von einem angeblichen Tintenfisch-Menschen-Exemplar von 1933 von der marokkanischen Kueste — spaeter als Faelschung erkannt — im Archiv des British Museum inspiriert worden.

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