
Meervolk
Merfolk · Das Meervolk — Oben Mensch, unten Fisch
Ein Meervolk mit menschlichem Oberkoerper und Fischschwanz, das in der Tiefsee und in Korallenstaedten Reiche errichtet und mit verzauberndem Gesang, ozeanischer Magie und Atmung unter Wasser begabt ist. Die Gestalt verdichtet eine weltweite Tradition wassermenschlicher Wesen: vom mesopotamischen Fischgott Oannes (Berossos' Babyloniaca, 3. Jh. v. Chr.) ueber die griechischen Tritonen und Nereiden, das japanische ningyo (Nihon shoki, 720) bis zu Hans Christian Andersens Den lille Havfrue (C. A. Reitzel, Kopenhagen, 1837) und der modernen Fantasy, die Dungeons & Dragons 1975-77 zum Standard machte.
Ursprung
Das aelteste direkte Zeugnis ist Oannes, dem zufolge der hellenistisch-babylonische Priester Berossos in der Babyloniaca (um 290 v. Chr., nur fragmentarisch erhalten) berichtet: der halb Mensch, halb Fisch jeden Tag aus dem Persischen Golf stieg, die Menschheit in Schrift und Ackerbau unterwies und bei Sonnenuntergang ins Meer zurueckkehrte. Schon assyrische Reliefs des siebten Jahrhunderts v. Chr. aus Ninive zeigen die apkallu als Fischmenschen. In der griechischen Tradition tritt Triton, Sohn des Poseidon und der Amphitrite, neben den fuenfzig Nereiden in Homers Ilias, achtzehnter Gesang, auf; die Sirenen, in Homers Odyssee zwoelfter Gesang nur Stimmen, werden im griechischen Physiologus (2.-4. Jh.) und in den lateinischen Bestiarien des neunten bis zwoelften Jahrhunderts allmaehlich als fischschwaenzige Wesen vorgestellt. Der Eintrag im Nihon shoki zum siebenundzwanzigsten Jahr der Kaiserin Suiko (720) verzeichnet ningyo, die an den Kuesten von Omi und Settsu gefangen wurden. Hans Christian Andersens Den lille Havfrue, erschienen in Eventyr, fortalte for Born Bd. 1, H. 3 (C. A. Reitzel, Kopenhagen, 1837), praegte mit dem Motiv der Selbstaufopferung und der Sehnsucht nach einer Seele das moderne Bild, das der Disney-Film The Little Mermaid (1989) endgueltig popularisierte. Gary Gygax fuehrte 'merfolk' als Standardvolk im Dungeons & Dragons Supplement Greyhawk (TSR, 1975) und im Monster Manual (TSR, 1977) ein.
Merkmale
- Menschlicher Oberkoerper und Fischschwanz, gewoehnlich einfach, in alten Darstellungen auch gegabelt
- Verzaubernder Gesang, Illusionsmagie und Kontrolle ueber die Elemente des Meeres
- Atmung unter Wasser, Schwimmgeschwindigkeit von dreissig bis vierzig Knoten, Tiefendruck-Toleranz
- Staedte in Tiefseegraeben, Riffen und Unterwasserhoehlen: Tritons Palast, Andersens Meerkoenig, Olynth in D&D, die Atlantischen Reiche in Magic: The Gathering
- Eigene Wassersprachen, altgriechisch-naeher Herkunft oder das Aquan-Idiom in Dungeons & Dragons
Geschichten
In der Antike sind die Meermenschen Spender der Kultur (Oannes) und numinose Bewohner des Meeres (Nereiden); in den mittelalterlichen Bestiarien werden sie zu moralischen Sinnbildern von Eitelkeit und Verfuehrung. Seit Andersen werden sie in der Literatur des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts zu tragischen Stimmen der Kluft zwischen Land und Meer, des Preises der Liebe und der Frage nach der Seele. Seit dem Disney-Film von 1989 ist das Bild populaer, und Dungeons & Dragons, Magic: The Gathering und Final Fantasy benutzen die Meermenschen als Standardvolk eines Meeresreiches und als Begleiter unter Wasser. Die aeltere raeuberische Seite — Homers Sirenen, die Seeleute in den Untergang singen — lebt in Horror- und Dark-Fantasy-Varianten weiter.
Schwäche
Ausserhalb des Wassers werden Meermenschen schwach in Atem und Bewegung, und der Tausch gegen Beine, den Andersens Maerchen schildert, verlangt jeden Schritt unter Schmerzen und den Verlust der Stimme. Die Kluft zum Landvolk fuehrt zu sozialer, fortpflanzungsbezogener und kultureller Isolation, und gerade Gesang, Schoenheit und Schuppen machen sie zur Beute menschlicher Jaeger und Alchemisten. Schon das Nihon shoki behandelt den Fang oder den Verzehr eines ningyo als boeses Omen; oestliche wie westliche Tradition teilen diese Warnung.
Kulturelle Bedeutung
Nach der industriellen Revolution wird die Meerfrau zum bevorzugten Motiv viktorianischer Malerei fuer Meer, Weiblichkeit und das Andere, exemplarisch in John William Waterhouses A Mermaid (1900, Royal Academy of Arts, London). Die japanische Yao-Bikuni-Legende von der Nonne, die nach dem Verzehr von ningyo-Fleisch achthundert Jahre lebte, wird im Kuin-ji-Tempel in Obama (Praefektur Fukui) bewahrt. Andersen erklaerte 1836 in einem Brief an seine Freundin Henriette Hanck, dass Den lille Havfrue eine Allegorie auf seine unerwiderte Liebe zu Edvard Collin sei und das Motiv der Selbstaufopferung mit seiner eigenen Identitaet zusammenhing. Die Hochzeit am Ende des Disney-Films von 1989, welche Andersens Verwandlung in Meerschaum ablöst, wird seither anhaltend diskutiert.
In der Popkultur
Berossos, Babyloniaca (um 290 v. Chr., fragmentarisch) — OannesHomer, Ilias 18. Gesang, und Hesiod, Theogonie 240-264 — Triton und die fuenfzig NereidenPhysiologus (2.-4. Jh. griechisch) und mittelalterliche lateinische Bestiarien — Meerfrau als moralisches SinnbildNihon shoki (720), Eintrag zum 27. Jahr der Kaiserin Suiko — ningyo an den Kuesten von Omi und SettsuHans Christian Andersen, Den lille Havfrue in Eventyr, fortalte for Born (C. A. Reitzel, Kopenhagen, 1837)L. Frank Baum, The Sea Fairies (Reilly & Britton, Chicago, 1911)Gary Gygax, Dungeons & Dragons Supplement I: Greyhawk (TSR, 1975) und Monster Manual (TSR, 1977)Walt Disney Pictures, The Little Mermaid (Regie Ron Clements und John Musker, 1989)Wizards of the Coast, Magic: The Gathering Alpha (1993), Lorwyn (2007) und Ixalan (2017) — Merfolk-Stamm
Trivia
- Berossos' griechisches 'Oannes' ist die Wiedergabe des sumerischen Uan / Adapa, dessen Name auf mesopotamischen Tontafeln seit etwa 1900 v. Chr. belegt ist.
- In Homers Odyssee, zwoelfter Gesang, werden die Sirenen nur als Stimmen geschildert; die fischschwaenzige Sirene findet sich erst klar im siebten Jahrhundert im lateinischen Liber Monstrorum.
- Die Schlusswendung von Andersens Maerchen, in der die Meermaid durch dreihundert Jahre des Dienens eine Seele erlangt, wurde im Hinblick auf religioese Empfindlichkeiten erst nach dem Manuskript von 1837 hinzugefuegt.
- Die Statue der kleinen Meerjungfrau im Kopenhagener Hafen (Edvard Eriksen, 1913) zeigt das Gesicht der Tänzerin Ellen Price, die sich weigerte, nackt zu posieren; den Koerper modellierte Eriksens Ehefrau Eline.