
Einhorn
Unicorn · Einhorn — Legendäres Pferd mit heiligem Horn
Das Einhorn (lateinisch unicornis, aus uni 'eins' + cornu 'Horn') ist das sagenhafte einhoernige Wesen des mittelalterlichen Europa, dargestellt als weisses Pferd mit einem einzigen Spiralhorn in der Mitte der Stirn, Sinnbild von Reinheit, Keuschheit und Heiligkeit. Der etymologische Wurzelstrang reicht bis Ktesias' monoceros (fuenftes Jahrhundert v. Chr.); das eigentliche Einhorn kristallisierte sich jedoch erst, als die Septuaginta das hebraeische re'em (heute als Auerochse identifiziert) als monokeros wiedergab und die lateinische Vulgata des Hieronymus dies wiederum als unicornis. Der Physiologus des zweiten bis vierten Jahrhunderts fuehrte das Jungfrau-und-Einhorn-Motiv ein: kein Jaeger kann das Einhorn mit Gewalt nehmen, doch eine Jungfrau allein im Wald zieht das Tier an, das ihr den Kopf in den Schoss legt und einschlaeft. Dies wurde als Inkarnation theologisiert, das Einhorn als Christus, der in den Schoss der Jungfrau eingeht. Die sieben Einhornjagd-Wandteppiche der Cloisters (Niederlande, 1495-1505) und die sechs Dame-mit-dem-Einhorn-Teppiche von Cluny (um 1500) sind die ikonografischen Hoehepunkte. Das Einhorn stuetzt die schottische Seite des britischen Koeniglichen Wappens, und im Englischen des einundzwanzigsten Jahrhunderts ist Unicorn der Standardbegriff fuer Milliarden-Dollar-Startups.
Ursprung
Die fruheste Spur des Einhorns ist Ktesias' Indika (fuenftes Jahrhundert v. Chr.), wo es als indisches monoceros erscheint; Megasthenes, Aristoteles und Plinius haben die Figur in der Naturgeschichte aufgegriffen. Die ikonografische Kristallisation kam, als die Septuaginta das hebraeische re'em als monokeros wiedergab und die lateinische Vulgata des Hieronymus (spaetes viertes Jahrhundert n. Chr.) dies als unicornis uebersetzte und damit das Einhorn-Bild der Psalmen 22 und 92 in der christlichen Ikonographie verankerte. Das Jungfrau-und-Einhorn-Motiv tritt mit dem Physiologus (zweites bis viertes Jahrhundert) ein, und Isidor von Sevilla, Etymologiae XII.2.12-13 (siebtes Jahrhundert), kodifizierte die Unterscheidung von unicornus und rhinoceros. Das Aberdeen-Bestiarium, das Manuskript Bodley 764 und das Rochester-Bestiarium aus dem zwoelften und dreizehnten Jahrhundert fixierten die kanonische Ikonografie, und die sieben Einhornjagd-Wandteppiche (Niederlande, 1495-1505, heute in The Cloisters, New York) sowie die sechs Dame-mit-dem-Einhorn-Teppiche (um 1500, heute im Musee de Cluny, Paris) wurden zum visuellen Hoehepunkt.
Merkmale
- Ein einziges spiralfoermig gewundenes Horn in der Mitte der Stirn
- Ein schneeweisser Pferdeleib, im Mittelalter festgehalten
- Ein Ziegenbart und ein Loewenschwanz in der Bestiarien-Tradition
- Das Horn ('Alikorn') neutralisiert jedes Gift
- Wild und so schnell, dass kein Jaeger es einholen kann
- Wird nur von einer Jungfrau angezogen, in deren Schoss es den Kopf legt
Geschichten
Das Einhorn ist eine feste Figur der europaeischen Heraldik. Nachdem Jakob VI. von Schottland 1603 als Jakob I. von England Elisabeth I. nachfolgte, wurden die beiden koeniglichen Wappen vereinigt: der Loewe (England) und das Einhorn (Schottland) stehen einander gegenueber als Schildhalter des britischen Koeniglichen Wappens. In den Arzneibuechern der Renaissance galt Alikorn (Einhornhorn) als universelles Gegengift, gewichtsweise teurer als Gold; Elisabeth I. besass einen Alikorn-Becher unter ihren koeniglichen Schaetzen. Der daenische Naturforscher Olaus Worm veroeffentlichte 1638 die Identifikation der meisten kursierenden Einhornhoerner als Narwalzaehne (Monodon monoceros) und schloss damit das naturhistorische Raetsel. Maler wie Raffael (Junge Frau mit Einhorn, um 1505-1506, Galleria Borghese), Domenichino (Die Jungfrau und das Einhorn) und die unbekannten Meister der Cluny- und Cloisters-Teppiche fixierten den visuellen Kanon. In der modernen Fantasy haelt Peter S. Beagles The Last Unicorn (1968), J. K. Rowlings Harry Potter und der Stein der Weisen (1997) und das kanonische Dungeons-and-Dragons-Monster die Figur lebendig.
Schwäche
Die entscheidende Schwaeche des Einhorns ist der Schoss einer Jungfrau. Der Physiologus etablierte die Allegorie: kein Jaeger und keine Waffe kann das Einhorn mit Gewalt nehmen, doch eine Jungfrau allein im Wald zieht das Tier an, das ihr den Kopf in den Schoss legt und einschlaeft, was die Gefangennahme erlaubt. Die sieben Einhornjagd-Wandteppiche von 1495-1505 visualisierten dies kanonisch — das Einhorn, von der Jungfrau angelockt, von Speeren durchbohrt und im siebten Teppich hinter dem Zaun des umschlossenen Gartens auferstanden, in einer theologischen Allegorese der Passion und Auferstehung Christi. Pharmakologisch wird die Wirksamkeit des Alikorns dem lebenden Tier zugeschrieben; das Horn eines toten Einhorns verliere die Haelfte seiner Tugend, wie die Renaissance-Arzneibuecher berichten. In J. K. Rowlings Harry Potter bewahrt das Toeten eines Einhorns und das Trinken seines Blutes das Leben, hinterlaesst den Trinker aber verflucht und halb-lebendig, eine moderne Variante des mittelalterlichen Themas.
Kulturelle Bedeutung
Das Einhorn ist nicht bloss ein Wesen, sondern ein dreifach geschichtetes Kulturzeichen: theologische Allegorie der Jungfrau Maria und Christi durch das Jungfrau-und-Einhorn-Motiv, Renaissance-Sinnbild koeniglicher Autoritaet durch das britische und schottische koenigliche Wappen, und im einundzwanzigsten Jahrhundert Kurzwort fuer Milliarden-Dollar-Startups. Die unicornis-Wiedergabe der Vulgata setzte die Figur ins Zentrum christlicher Kunst; die Cloisters-Einhornjagd und die Cluny-Dame mit dem Einhorn sind die ikonografischen Hoehepunkte des spaeten fuenfzehnten Jahrhunderts. Nach Olaus Worms Narwal-Identifikation von 1638, die das naturhistorische Dossier schloss, blieb das Einhorn in der praeraffaelitischen Malerei des neunzehnten und der Fantasyliteratur des zwanzigsten Jahrhunderts lebendig, von Peter S. Beagles The Last Unicorn (1968) ueber Harry Potter bis zum Dungeons-and-Dragons-Kanon. 2013 uebernahm die amerikanische Risikokapitalgeberin Aileen Lee 'Unicorn' fuer Milliarden-Dollar-Startups, und der Begriff ist im globalen Technologiegeschaeft der 2020er Jahre Standard.
In der Popkultur
Septuaginta, griechische Bibel (3.-2. Jh. v. Chr.) — hebraeisch re'em als monokeros wiedergegebenLateinische Vulgata (spaetes 4. Jh. n. Chr.) — monokeros als unicornis wiedergegebenPhysiologus (2.-4. Jh.) — Einfuehrung der Jungfrau-und-Einhorn-AllegorieIsidor von Sevilla, Etymologiae XII.2.12-13 (7. Jh.) — Kodifizierung der Einhorn-IkonografieEinhornjagd-Wandteppiche (Niederlande, 1495-1505) — heute in The Cloisters, New YorkDame-mit-dem-Einhorn-Teppiche (um 1500) — heute im Musee de Cluny, ParisPeter S. Beagle, The Last Unicorn (1968) — Kanon der modernen Fantasy