
Shamshir
Der gebogene Kavalleriesäbel aus Persien
Der Schamschir ist ein in Persien entwickelter, stark gebogener einschneidiger Reitersäbel mit einer Klinge von etwa 80 bis 90 cm Länge. Sein bestimmendes Merkmal ist die durchgehende, ausgeprägte Krümmung von Griff bis Spitze, die den Zugschnitt ermöglicht: das Aufschlitzen eines Gegners im Vorbeireiten bei vollem Galopp. Die Klinge wurde oft aus Wootz-Stahl geschmiedet, dem Tiegelstahl, den der Westen Damaststahl nannte, und trug so ein schönes wellenartiges Oberflaechenmuster; sie ist leicht und gut ausbalanciert fuer rasche, wiederholte Hiebe. Die Spitze ist rund oder stumpf und wurde kaum zum Stechen benutzt, waehrend der Griff meist ein nach unten gebogener Pistolengriff aus Elfenbein, Horn oder Edelmetall ist. Von der Safawidenzeit an war er zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert die sinnbildliche Waffe Persiens und verbreitete sich ueber das Osmanische Reich, das Mogulreich und ganz Zentralasien.
Ursprung
Der Schamschir geht auf die verhaeltnismaessig geraden oder sanft gebogenen einschneidigen Schwerter des sassanidischen Persien (224 bis 651) zurueck. Die extreme Kruemmung, die wir uns heute vorstellen, wurde im 16. Jahrhundert unter der Safawidendynastie vollendet und gilt als das Zusammentreffen der persischen Schwertkultur mit der Saebel-Tradition der tuerkischen und mongolischen Reiterei, die aus der zentralasiatischen Steppe kam. Das Wort Schamschir war urspruenglich schlicht das persische Hauptwort fuer Schwert, doch diese tief gebogene Klinge wurde so bezeichnend, dass der Name den gekruemmten Reitersaebel selbst meinte. Nach der Safawidenzeit wurde die Form zum Standard und blieb bis ins 19. Jahrhundert in der ganzen islamischen Welt beliebt; selbst nach dem Aufkommen der Feuerwaffen ueberlebte sie lange als Parade- und Zierwaffe.
Merkmale
- Eine stark gebogene einschneidige Klinge (etwa 80 bis 90 cm)
- Ein welliges Oberflaechenmuster aus Wootz- oder Damaststahl
- Eine durchgehende Kruemmung, optimiert fuer den berittenen Zugschnitt
- Eine runde oder stumpfe Spitze, zum Schneiden statt Stechen gemacht
- Ein nach unten gebogener Pistolengriff aus Elfenbein, Horn oder Metall
- Leicht und gut ausbalanciert fuer rasche, wiederholte Angriffe
Geschichten
Erst vom Pferd aus kam der Schamschir zur Geltung. Wenn ein Reiter bei vollem Tempo am Feind vorbeifegte und die gebogene Schneide wie ziehend ueber ihn fuehrte, buendelte die Kruemmung die Beruehrung in einen Punkt, und die Geschwindigkeit machte daraus eine tiefe, schneidende Wunde. Wo ein gerades Schwert auf die Wucht des Hiebs setzt, trennt der Schamschir das Fleisch durch das Schneiden und Wegziehen selbst. Er wurde auch gegen Fussvolk gebraucht, taugte aber schlecht im engen Handgemenge oder gegen einen Schildwall; sein eigentliches Element waren die Verfolgung und der einzelne Streich im Vorbeireiten auf offenem Feld. Persische und osmanische Reiter zersprengten den Feind mit Bogen und Lanze und zogen dann den Schamschir, um die Fliehenden niederzureiten und zu schneiden.
Schwäche
Die tiefe Kruemmung und die runde Spitze machen einen Stich nahezu unmoeglich, sodass die Waffe hilflos ist, die Luecken einer Ruestung zu finden oder eine dichte Formation zu durchstossen. Weil die Klinge gebogen ist, ist sie auch schwaecher als ein gerades Schwert beim genauen Parieren und geradlinigen Ablenken. Im Kampf zu Fuss, besonders auf engem Raum, blieb kein Platz, die lange gebogene Klinge zu schwingen, und sie taugte oft schlechter als ein Dolch oder Streitkolben. Die feinsten Wootz-Klingen waren zudem schwer und teuer herzustellen, sodass die Qualitaet stark schwankte und der Nachschub begrenzt war.
Kulturelle Bedeutung
Der Schamschir ist ein Sinnbild der persischen Kriegerkultur und des aesthetischen Sinns der islamischen Welt. Am Safawidenhof war er mehr als eine Waffe: ein feiner, mit Gold tauschierter und mit Edelsteinen besetzter Schamschir war ein Kunstwerk, das Rang und Reichtum verkuendete, ein Geschenk und Erbstueck, das das Ansehen von Koenigen und Adligen trug. Die persische Miniaturmalerei und Dichtung zeigen oft einen Reiter, der die gebogene Klinge traegt, und die Kruemmung wurde als wiederkehrendes dichterisches Bild mit der Mondsichel verglichen. Das vage westliche Bild des morgenlaendischen Krummsaebels verdankt sich zu einem grossen Teil eben dieser Waffe.
In der Popkultur
Der Schamschir tritt als Urbild des Krummsaebels in Werken auf, die im Nahen Osten und in Persien spielen. In den nahoestlichen Schauplaetzen der Spiele Prince of Persia und Assassins Creed ist er eine vertraute Waffe, und die morgenlaendischen Krummklingen von Werken wie Disneys Aladdin gehoeren zur selben Familie. In der Fantasy erscheint er meist unter dem Namen Scimitar, etwa als der Krummsaebel von Dungeons and Dragons oder als die beiden gebogenen Klingen, die Drizzt Do Urden fuehrt. In der Fiktion wird er jedoch oft mit anderen islamischen Krummsaebeln wie dem osmanischen Kilidsch und dem indischen Talwar vermengt, sodass die gleichmaessige Kruemmung und die runde Spitze des historischen Schamschir selten genau wiedergegeben werden.
Trivia
- Das persische Wort Schamschir gilt als wahrscheinlichster Ursprung des englischen scimitar, des franzoesischen cimeterre und des italienischen scimitarra: Der Westen nannte den oestlichen Krummsaebel scimitar, und sein Urbild war der Schamschir.
- Das wellige Muster der feinsten Schamschir-Klingen entsteht aus der Kristallstruktur des Wootz- oder Tiegelstahls, und das Geheimnis dieser Tiegelstahlherstellung ging im Lauf des 19. Jahrhunderts verloren und wurde nie vollstaendig wiedergewonnen.
- Wegen seiner tiefen Kruemmung und runden Spitze kann der Schamschir kaum stechen und setzt alles auf den Zugschnitt im Galopp, eine Bauphilosophie, die der des auf den Stich ausgerichteten europaeischen Estoc und Rapiers entgegengesetzt ist.