
Eisenhut
Mittelalterlicher Eisenhelm mit breiter Krempe
Der Eisenhut (engl. kettle hat, frz. chapel-de-fer) ist der offene Helm, den das Fussvolk im Europa des zwoelften bis fuenfzehnten Jahrhunderts am weitesten trug, und sein Name kam aus der runden, halbkugelfoermigen Schaedeldecke und der breiten Krempe, die rundherum auslief, sodass das Ganze einem umgekehrten Kessel glich. Seine einfache und kluge Gestalt liess die Krempe die Pfeile und Steine, die von oben fielen, und das siedende Wasser, den Brandkalk und das Oel, die in einer Belagerung von der Mauer gegossen wurden, zuerst auffangen und ableiten, sodass er sich besonders fuer den Fussmann, der dicht unter der Mauer kaempfte, eignete wie kein anderer. Die Arbeit der Herstellung war so einfach, dass jeder Dorfschmied einen ausschmieden konnte, und so war sein Preis sehr niedrig, und er verbreitete sich weit unter dem gemeinen Fussvolk und der Buergerwehr, die sich den praechtigen Helm des Ritters nicht leisten konnten. Doch sein Gebrauch war keineswegs gering, denn die Chronik Joinvilles haelt fest, dass Ludwig IX. von Frankreich in der Schlacht von Mansurah 1250 einen chapel-de-fer trug, und so wurde dieser Hut von Maennern fast jeden Standes getragen, vom Fussmann bis zum Koenig.
Ursprung
Der Ursprung des Eisenhuts liegt im zwoelften Jahrhundert Europas, und sein Vater ist im aelteren, einfacheren halbkugeligen Eisenhut zu suchen. Wo die entscheidende Aenderung des Anfuegens einer Krempe sich genau vollzog, ist in der Wissenschaft nicht auf eine einzige Antwort festgelegt, doch im spaeten zwoelften Jahrhundert erscheint der chapel-de-fer mit deutlich gesetzter Krempe schon in franzoesischen und englischen Quellen, und dieselbe Gestalt fasste zur selben Zeit in Deutschland und Italien Fuss. Im dreizehnten Jahrhundert war er der Standardhelm des Fussvolkes in den Kreuzzuegen und in den Kriegen der italienischen Stadtstaaten geworden, und im Hundertjaehrigen Krieg des vierzehnten Jahrhunderts wurde er gleichermassen vom englischen Langboegner und vom franzoesischen Fussvolk getragen. Vom spaeten fuenfzehnten Jahrhundert an wich er feineren Helmen wie der Schaller und der Barbute, doch bei Bergleuten, Mineuren und den Maennern mit dem Gepaeck hielt er sich bis tief ins sechzehnte Jahrhundert.
Merkmale
- Runde, halbkugelfoermige Schaedeldecke und breite, waagerechte Krempe
- Gestalt geeignet fuer Dinge, die von oben fallen, Pfeile und Steine und siedendes Wasser und Brandkalk
- Einfache Arbeit, die jeder Dorfschmied machen konnte
- Ein offenes Gesicht, das Sicht, Atem und Gehoer am Leben hielt
- Ein niedriger Preis, der durch die Schaller des Ritters nicht zu erreichen war
- Zehnerlei Varianten, je nach Neigung und Breite der Krempe
Geschichten
Der Eisenhut sass auf dem Kopf des Fussmannes in fast jedem grossen Krieg des mittelalterlichen Europa. Der Helm des Fussvolkes bei Bouvines (1214) und Mansurah (1250) in den grossen Feldern des dreizehnten Jahrhunderts, des englischen Langboegners, der bei Crecy (1346), Poitiers (1356) und Azincourt (1415) im Regen stand, war derselbe chapel-de-fer. Vor allem in der Belagerung, wenn der Fussmann sich der Mauer mit einer Leiter naeherte oder der Bergmann unten in einem Stollen muehte, verdiente das Kopfstueck, das die Pfeile und Steine, das siedende Wasser und den Brandkalk zuerst auf der Reihe seiner Krempe auffing, seinen Wert. Der Fussmann im chapel-de-fer hatte das Gesicht offen und Sicht und Atem frei, und so wurde er besonders an der Stelle des Langboegners und des Armbrusters willkommen geheissen, wo klare Sicht noetig war. Und die einfache Gestalt blieb lange das billigste und nuetzlichste Stueck Schutz fuer die schlecht geruestete Buergerwehr und das Bauernfussvolk, das wenigstens den Kopf deckte.
Schwäche
Die groesste Schwaeche des Eisenhuts war, dass das Gesicht und der Hals fast ganz blank standen. Ohne Visier und mit offener Seite gab er fast keinen Schutz gegen die Spitze eines Schwertes oder eines Speeres, die von vorn kam, und gegen den geraden Flug eines Pfeils, und er war sehr schwach gegen einen Hieb, der von der Seite hereinkam. Eben wie die Krempe den Hieb, der von oben fiel, zurueckwarf, schnitt dieselbe Krempe die Seite der Sicht ab, und der Mann erkannte einen Feind, der von der Schraege hereinkam, spaeter. So wurden eine dicke gepolsterte Coif und eine Kettenhaube oft zusammen darunter gesetzt, und den chapel-de-fer obenauf war die Regel. Vom spaeten fuenfzehnten Jahrhundert an, als die Schaller und die Barbute, die auch das Gesicht deckten, sich auch unter dem Fussvolk verbreiteten, zog der Eisenhut, der nur die Oberseite des Kopfes deckte, sich langsam aus dem Feld zurueck und ging in die Arbeit des Bergmanns und des Mineurs ueber.
Kulturelle Bedeutung
Der Eisenhut war nicht bloss der Helm des Gemeinen, sondern ein seltenes Stueck Kopfbedeckung, das von fast jedem Stand der mittelalterlichen Welt gleichermassen getragen wurde. Das Leben des heiligen Ludwig von Joinville haelt fest, dass in der Schlacht bei Mansurah 1250 Koenig Ludwig IX. von Frankreich im Lager mit einem chapel-de-fer stand, und derselbe Hut sass auf dem Kopf des englischen Langboegners im Hundertjaehrigen Krieg. Das Kunsthistorische Museum in Wien, die Wallace Collection in London und das Musee de Cluny in Paris halten viele Eisenhuete des dreizehnten bis fuenfzehnten Jahrhunderts, und die deutsche Wendung eiserner Hut, die einst den chapel-de-fer benannte, lebt heute als Redensart fuer festen, verlaesslichen Schutz weiter. Vor allem kehrte die Gestalt des Eisenhuts im Brodie-Helm des britischen Heeres im Ersten Weltkrieg wieder, 1915 von John Leopold Brodie patentiert, und so wird der Eisenhut oft den direkten Vorfahren des modernen stahlernen Kampfhelms genannt.
In der Popkultur
Der Eisenhut erscheint ohne Ausnahme als die Kopfbedeckung des Fussmannes in fast jedem Film, Historiendrama und Spiel, das im Mittelalter angesiedelt ist. Im britischen Historiendrama Die Saeulen der Erde, im Film Koenigreich der Himmel und in den Verfilmungen des Heinrich V. traegt der Kopf des Langboegners und der Buergerwehr fast ohne Ausnahme den chapel-de-fer. Das Aktions-Rollenspiel Kingdom Come: Deliverance, das im Boehmen des fuenfzehnten Jahrhunderts spielt, und die Strategiespiele Medieval II: Total War und Crusader Kings III setzen den Eisenhut als Standardhelm der Bauernmiliz und der Bergmanns-Einheit, und selbst in Familienwerken wie Disneys Robin Hood ist der absurd breite Hut der Maenner des Sheriffs von Nottingham eine Karikatur des Eisenhuts. In Filmen des Ersten Weltkrieges bemerken manche Zuschauer die Aehnlichkeit des Brodie-Helms auf dem britischen Soldaten mit dem mittelalterlichen Eisenhut.
Trivia
- Das Leben des heiligen Ludwig von Joinville haelt fest, dass in der Schlacht bei Mansurah 1250 Koenig Ludwig IX. von Frankreich im Lager mit einem chapel-de-fer stand, sodass der Eisenhut keineswegs der Helm des Gemeinen allein, sondern ein seltenes Stueck Kopfbedeckung war, das Maenner vom Fussmann bis zum Koenig trugen.
- Der Brodie-Helm, der Mark I des britischen Heeres im Ersten Weltkrieg, wurde 1915 von John Leopold Brodie nach der Gestalt des mittelalterlichen chapel-de-fer patentiert, und der Gedanke, die Krempe die Splitter eines Geschosses, die von oben fielen, zuerst auffangen zu lassen, war derselbe wie der des Eisenhuts.
- Die deutsche Wendung eiserner Hut, die einst den chapel-de-fer benannte, lebt heute als Redensart fuer festen, verlaesslichen Schutz weiter.