
Halbelf
Half-Elf · Von gemischtem Blut — Zwischen den Welten von Mensch und Elf
Ein Volk geboren aus Mensch und Elb, das in Aussehen, Lebenszeit und Erbe zwischen beiden steht. Halbelben leben laenger als Menschen, kuerzer als Elben, und tragen die Begabungen und Zuege beider Linien zur Haelfte; sie zeichnen sich durch Anpassungsfaehigkeit und Charisma aus, gehoeren aber zu keiner der beiden Welten ganz. Die Peredhil-Linie aus J. R. R. Tolkiens The Silmarillion (George Allen & Unwin, 1977, herausgegeben von Christopher Tolkien) — Beren und Luthien, Tuor und Idril, Earendil und Elwing — und das durch Dungeons & Dragons 1974 eingefuehrte Standard-Halbelbenvolk haben die Figur als den 'Wandler zwischen zwei Welten' der modernen Fantasy verankert.
Ursprung
Die Peredhil-Mythologie Tolkiens beginnt mit Entwuerfen zum Book of Lost Tales (um 1916) und gipfelt im Silmarillion (1977). Wendepunkt ist die Wahl, die am Ende des Ersten Zeitalters den Zwillingssoehnen von Earendil und Elwing zugemessen wird: Elros entschied sich fuer das menschliche Sterben und wurde der Begruender Numenors (Akallabeth-Teil des Silmarillion), Elrond fuer die elbische Unsterblichkeit und wurde Herr von Bruchtal. Aragorn als spaeter Numenor-Nachfahre heiratet Elronds Tochter Arwen und fuehrt die Peredhil-Linie bis ans Ende des Dritten Zeitalters. Im Anhang A zu The Lord of the Rings (1955) heisst es, das Wahlrecht sei den letzten Peredhil-Geschwistern von den Valar als Gnade gewaehrt worden. Dungeons & Dragons fuehrte den Halbelben in der Erstausgabe Men & Magic (TSR, 1974) ein, und Gygax' Advanced Dungeons & Dragons Players Handbook (TSR, 1978) legte die kanonische Lebensdauer von rund 250 Jahren fest, zwischen Menschen (etwa 80) und Elben (etwa 1200). Margaret Weis und Tracy Hickmans Dragonlance Chronicles (TSR, 1984-85) gaben dem Typus mit Tanis Halbelb sein bestaendiges Urbild: dem Anfuehrer, der nirgends ganz dazugehoert.
Merkmale
- Statur um eins fuenfundsiebzig bis eins fuenfundachtzig Meter, leicht ueber dem menschlichen Mittel
- Lebensdauer von rund 180 bis 250 Jahren, zwischen menschlicher und elbischer
- Leicht spitze Ohren (kuerzer als bei reinen Elben), Dunkelsicht bis etwa sechzig Fuss
- Muttersprachliche Beherrschung von Gemeinsprache und Elbisch, strukturelle Staerke in Diplomatie
- In D&D 5. Edition Immunitaet gegen Schlaf und Bezauberung; Attributsbonus Charisma plus zwei sowie zwei weitere plus eins
Geschichten
Der Halbelb ist die kanonische Figur des Vermittlers zwischen Welten und des Wanderers auf der Suche nach einer Identitaet. Tolkiens Elrond vermittelt durch Bruchtal zwischen Menschen und Elben, und Aragorn besteigt als letzter Traeger der Peredhil-Linie den Thron Gondors. Tanis Halbelb in Dragonlance, Aribeth de Tylmarande in BioWares Neverwinter Nights (Atari, 2002) und die Geschwister Vax'ildan und Vex'ahlia Brenatto in Critical Role Kampagne eins Vox Machina (2015-2017) haben den Halbelben zu einer der gelaeufigsten Heldenfiguren des einundzwanzigsten Jahrhunderts gemacht. Erzaehlungen ueber Zugehoerigkeit, Vorurteil und Versoehnung setzen meist beim Tod, der Trennung oder der Ablehnung des Elternvolks einer Seite ein.
Schwäche
Die zentrale Schwaeche ist die doppelte Randstellung: menschliche Gemeinschaften misstrauen ihrem 'elbischen Blut', elbische bedauern ihre 'sterbliche Natur'. Bei Tolkien ist das Peredhil-Wahlrecht einmalig und unumkehrbar; wer einmal die Sterblichkeit waehlt, gewinnt die Unsterblichkeit nicht zurueck — die Abschiedsszene von Arwen und Aragorn im Anhang A von The Lord of the Rings zeigt das Gewicht dieser Wahl. Mechanisch sind Halbelben in der fuenften D&D-Edition ein Kompromiss, dem die volle Vielseitigkeit der Menschen und die hohe magische Begabung der Elben gleichermassen abgehen. Identitaetsschwankungen treiben sie auf die Strasse, halten sie aber auch davon ab, sich in einer einzigen Gemeinschaft endgueltig niederzulassen.
Kulturelle Bedeutung
Tolkien wollte mit der Peredhil-Mythologie das Gewicht der Wahl zwischen Sterblichkeit und Unsterblichkeit erzaehlen; in einem 1955 an The New York Times gerichteten Brief schrieb er, 'Arwens Wahl ist die theologische Behauptung, dass die Sterblichkeit eine tiefere Liebe ermoeglicht als die Unsterblichkeit'. Das anglo-amerikanische Pen-and-Paper uebersetzte diese Metaphysik in den soziologischen Rahmen von Identitaet und Zugehoerigkeit und festigte ihn ueber Dragonlance in den 1980ern, die Forgotten Realms in den 1990ern und BioWares Rollenspiele in den 2000ern. Japanische Light Novels und Anime, etwa Werke von Tomihiko Morimi, greifen das Paar Mensch und Elbin gelegentlich auf, wechseln aber haeufiger in den leichteren Ton einer Schulgeschichte als in die tragische Tonlage der Tolkien-D&D-Tradition.
In der Popkultur
J. R. R. Tolkien, The Silmarillion (Allen & Unwin, 1977, hrsg. Christopher Tolkien) — Beren und Luthien, Tuor und Idril, Earendil und ElwingTolkien, The Lord of the Rings (1954-55), Anhang A und F — die Peredhil-Wahl; Elrond, Arwen, ElrosGary Gygax und Dave Arneson, Dungeons & Dragons Erstausgabe (TSR, 1974) — Einfuehrung des HalbelbenGary Gygax, Advanced Dungeons & Dragons Players Handbook (TSR, 1978) — kanonische Lebensdauer und WerteMargaret Weis und Tracy Hickman, Dragonlance Chronicles (TSR, 1984-85) — Tanis HalbelbEnya, May It Be (Warner Chappell Music, 2001) — Soundtrack zu The Lord of the Rings: The Fellowship of the Ring, mit Peredhil-MotivBioWare, Neverwinter Nights (Atari, 2002) — Aribeth de TylmarandeCritical Role, Kampagne 1 Vox Machina (2015-2017) — die Geschwister Vax'ildan und Vex'ahlia BrenattoLarian Studios, Baldur's Gate 3 (2023) — Halsin und zahlreiche halbelbische NPCs
Trivia
- Tolkien praegte 'Peredhil' aus den sindarischen Bestandteilen per (halb) und edhel (Elb); der Begriff erscheint im Manuskript The Etymologies (Band 5 von The History of Middle-earth) und wird auf etwa 1937 datiert.
- Der D&D-Halbelb von 1974 war zunaechst nur eine Kombination menschlicher Werte mit der elbischen Immunitaet gegen Bezauberung; das Players Handbook von 1978 baute das Volk um die Multiclass-Faehigkeit als sein mechanisches Markenzeichen herum.
- Margaret Weis hielt in einer internen TSR-Notiz von 1984 fest, dass Tanis Halbelb einer Freundin nachempfunden sei, deren Mutter aus Missouri stammte und deren Vater aus Syrien einwanderte, und deren doppelte Identitaet das Bild des wandernden Anfuehrers praegte.
- Das Halbelben-Bild im Players Handbook der fuenften Edition (2014) malte Magali Villeneuve; Designer Mike Mearls erklaerte im gleichen Jahr auf Twitter, das Referenzfoto stamme von einem Latino-amerikanischen Schauspieler.
