
Tiermensch
Beastkin · Tiervolk — Halb Mensch, halb Tier
Ein Halb-Mensch-Halb-Tier-Volk, dessen menschliche Koerper die Ohren, Schwaenze, das Fell und die Klauen einer Tiergattung tragen und nach Tierlinie in viele Unterrassen — Katzen-, Hunde-, Tiger-, Wolfs-, Stiervolk und mehr — gegliedert sind. Sie tragen die Sinne, Instinkte und koerperlichen Gaben ihrer Tierart und leben meist in Stammes-, Jaeger- oder Hirten-Gesellschaften. Die Gestalt verdichtet weltweite Ueberlieferungen: die agyptischen Tiergoetter (Anubis, Bastet, Horus, schon in den Pyramidentexten um 2400 v. Chr.), den griechischen Minotaurus und die Kentauren (Hesiod, Theogonie um 700 v. Chr.), indische Hanuman-Tradition (Ramayana, um 400 v. Chr.), japanische Fuchs- und Tanuki-Wandler und den europaeischen Werwolf (Petronius, Satyricon Kap. 62, um 60 n. Chr.); das moderne Fantasy-Schema legten Dungeons & Dragons (Monster Manual, TSR, 1977; Volo's Guide to Monsters, 2016) und Blizzards Tauren in Warcraft III (2002) fest.
Ursprung
Das aelteste direkte Zeugnis sind der schakalkoepfige Anubis und der falkenkoepfige Horus in den Pyramidentexten des Pharaos Unas der fuenften Dynastie (um 2400 v. Chr., Sakkara). Die katzenkoepfige Bastet erhaelt ihre kanonische Bildgestalt in der Bastet-Bronze des Aegyptischen Museums in Kairo (um 600 v. Chr.). In Griechenland berichten Hesiods Theogonie (um 700 v. Chr.) und Apollodors Bibliotheke 3.1 vom Minotaurus, dem Sohn der Pasiphae und des kretischen Stiers, und von den Kentauren, Nachkommen Ixions und einer Wolke. In Indien erscheint der Affengott Hanuman in Valmikis Ramayana (um 400 v. Chr.), der elefantenkoepfige Ganesha im Ganesha Purana (um 11. Jh.), der Mannloewe Narasimha im siebten Buch des Bhagavata Purana. In Japan werden Tanuki-Wandler im Nihon Ryoiki (um 822) und Fuchs-Wandler im Konjaku Monogatari (um 1120) bezeugt. Der europaeische Werwolf-Kanon hebt mit Petronius' Satyricon Kapitel 62 (um 60 n. Chr.) als erster direkter Schilderung an und wird durch Gervase von Tilburys Otia Imperialia (um 1210) zum mittelalterlichen Topos. Die moderne Spielrasse beginnt mit Gygax' Advanced Dungeons & Dragons Monster Manual (TSR, 1977) fuer Werwoelfe und Minotauren; Ed Greenwoods Forgotten Realms Adventures (TSR, 1989) fuehrt die Katzenvolk-Tabaxi ein, die in Volo's Guide to Monsters (Wizards of the Coast, 2016) zur Standardrasse erhoben werden. Blizzards Tauren in Warcraft III (2002) und World of Warcraft (2004), die Worgen in Cataclysm (2010), sind die populaerkulturellen Hauptvarianten.
Merkmale
- Menschlicher Koerper mit Tierohren, Schwanz, Fell, Krallen und ausgepraegten Eckzaehnen
- Unterrassen nach Tierlinie: Katzenvolk (Tabaxi, Mithra), Hundevolk (Wargen), Tigervolk (Khajiit-Linie in den Elder Scrolls), Wolfsvolk (Worgen, Lykanthropen), Stiervolk (Minotaurus, Tauren), Vogelvolk (Aarakocra)
- Geschaerfte Geruchs-, Hoer- und Nachtsicht; tierabhaengige koerperliche Eigenschaften (Katzenbalance, Wolfsrudeljagd, Stierkraft)
- Stammes- oder Sippen-Jaeger oder Hirtengesellschaften, Totem-Religion und Ahnen- oder Tierseelen-Fuehrer
- In der fuenften D&D-Edition rund 80 bis 150 Jahre Lebensspanne, eigene Sprachen wie Tabaxi und Taur-ahe
Geschichten
Tiermenschen treten als wilde Krieger, Spurensucher und Stammeshelden auf und sind die Stammrasse fuer Geschichten ueber den Konflikt zwischen Instinkt und Vernunft, Wildnis und Zivilisation. Der Tabaxi der fuenften D&D-Edition ist der neugierige Wanderer mit plus zwei auf Akrobatik und scharfen Klauen; Blizzards Tauren, modelliert nach Stoffen der nordamerikanischen Ureinwohner, bleiben kritisch umstritten. Die japanische Light Novel Spice and Wolf (Isuna Hasekura, Dengeki Bunko, 2006), deren Heldin Holo eine Wolfsgottheit in Maedchengestalt ist, und Paru Itagakis Manga Beastars (Akita Shoten, 2016-2020), ein zwischenartliches Schul-Drama, sind die Spitzenvariationen des japanischen einundzwanzigsten Jahrhunderts. Seit den 2010er Jahren tragen Tiermensch-Erzaehlungen zunehmend die Allegorie marginalisierter Gemeinschaften — die als 'wild' verachtete Bevoelkerung in einer menschenzentrierten Gesellschaft und das Ringen um die Annahme der eigenen Identitaet.
Schwäche
Instinkt und Triebe ueberwiegen leicht die Vernunft, und in menschenzentrierten Gesellschaften ist die Diskriminierung als 'Wilde' systemisch. Tierspezifische Schwaechen sind mechanisch verankert: Katzenvolk reagiert auf starke Duefte und heisses Wasser, Wolfs-Verwandte erleiden zusaetzlichen Schaden durch Silber (Silberschwaeche seit Gervase von Tilbury, in fuenfter D&D-Edition als Lykanthropen-Regel festgehalten), Vogelvolk leidet in engen Raeumen. Berserkerzorn kann auch die eigenen Gefaehrten gefaehrden, und Rudelabhaengigkeit macht die Trennung vom Stamm seelisch zermuerbend, ein Zug, den die Warcraft-Tauren und Blizzards Worgen teilen.
Kulturelle Bedeutung
Tiermenschen sind die Kristallisation einer weltweiten Jaeger-Sammler-Totem-Tradition; Claude Levi-Strauss las die Figur im ersten Kapitel seiner Anthropologie structurale (Plon, Paris, 1958) als universale Formulierung der Mensch-Natur-Grenze. Die japanische Kemonomimi-Subkultur wurde durch die Katzenvolk-Figur Misaki Shinjiro im PC-Spiel To Heart (Leaf, 1997) popularisiert und ist seit den 2000er Jahren ein Standardtypus in Anime, Manga und Light Novels. In Nordamerika gruendete sich die seit den spaeten 1980er Jahren entstandene Furry-Fandom-Konvention Anthrocon 1997 in Pittsburgh und wuchs bis 2023 auf rund dreizehntausend Anmeldungen (anthrocon.org). Die Entlehnung von Lakota- und Cherokee-Bildern fuer Warcrafts Tauren wurde nach Blizzards Black-Lives-Matter-Stellungnahme von 2020 zum Gegenstand einer internen Pruefung einzelner Namen und Ornamente.
In der Popkultur
Aegyptische Pyramidentexte (um 2400 v. Chr., Sakkara) — Anubis und Horus, prototypische tierkoepfige GoetterHesiod, Theogonie (um 700 v. Chr.) und Apollodor, Bibliotheke 3.1 — Minotaurus und KentaurenValmiki, Ramayana (um 400 v. Chr.) — der Affengott HanumanPetronius, Satyricon Kap. 62 (um 60 n. Chr.) — erste direkte Werwolf-EpisodeNihon Ryoiki (um 822) und Konjaku Monogatari (um 1120) — japanische Tanuki- und FuchsenwandlerGervase von Tilbury, Otia Imperialia (um 1210) — mittelalterlicher Werwolf-KanonGary Gygax, Advanced Dungeons & Dragons Monster Manual (TSR, 1977) — Werwoelfe und MinotaurenEd Greenwood, Forgotten Realms Adventures (TSR, 1989) und Wizards of the Coast, Volo's Guide to Monsters (2016) — Tabaxi-KatzenvolkBlizzard, Warcraft III (2002), World of Warcraft (2004) und Cataclysm (2010) — Tauren und WorgenParu Itagaki, BEASTARS (Akita Shoten, 2016-2020) — Hoehepunkt der japanischen Tiermensch-Subkultur im 21. Jahrhundert
Trivia
- Der von der englischen Aegyptologie des neunzehnten Jahrhunderts als 'jackal-headed' bezeichnete Anubis stellt nach der DNA-Studie von Claudio Sillero-Zubiri (Current Biology, 2015) eher den afrikanischen Goldenwolf (Canis lupaster) als den eigentlichen Schakal dar.
- Die erste Anthrocon-Konvention 1997 in Pittsburgh zaehlte nur sechshundert Anmeldungen; 2023 meldete die Veranstaltung rund dreizehntausend, was sie zur groessten Furry-Konvention der Vereinigten Staaten machte (anthrocon.org).
- Die Tabaxi-Titelillustration in Volo's Guide to Monsters (2016) von Tyler Jacobson zeigte sie ausschliesslich im Leopardenmuster; die Neuausgabe von 2024 als Mordenkainen Presents: Monsters of the Multiverse erweiterte das Volk auf Tiger-, Geparden-, Liger- und weitere Felidenmuster.
- Paru Itagaki erklaerte in einem in CoroCoro Comic 2017 nachgedruckten Akita-Shoten-Interview, dass die anatomisch praezisen Tierdarstellungen in Beastars von ihrem Grossvater, dem Praeparator Itagaki Keisuke, angeleitet wurden.