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Golem

Golem · Künstliches Wesen — Aus lebloser Materie geschaffen

Ein kuenstliches Wesen der juedischen mystischen Kabbalah-Tradition, aus Lehm, Stein oder Metall geformt und durch heilige Buchstaben oder Formeln zum Leben gebracht. Das hebraeische Wort golem erscheint zuerst in Psalm 139,16 fuer eine unformige Substanz; die aelteste direkte technische Darstellung steht im kabbalistischen Sefer Yetzirah (Buch der Schoepfung, etwa 200-500 n. Chr.), und Eleazar von Worms (um 1176-1238) der deutschen Hasidei Aschkenas hat in seinen Hilkhot Yetzirah das erste ausfuehrliche Schoepfungsritual aufgezeichnet. Die beruehmteste Erzaehlung ist die des Prager Golem, der dem Maharal, Rabbi Jehuda Loew ben Bezalel von Prag (1525-1609), zugeschrieben wird; er soll aus dem Moldau-Lehm einen Diener zum Schutz der verfolgten juedischen Gemeinde geformt haben. Die heute massgebliche Form der Legende wurde 1909 durch Yudl Rosenbergs pseudoepigraphisches Niflaos Maharal (Warschau) festgelegt. Mary Shelleys Frankenstein (1818), Gustav Meyrinks Roman Der Golem (Kurt Wolff Verlag, 1915), Karel Capeks R.U.R. (Aventinum, 1921), das das Wort 'Roboter' geschaffen hat, und der vierfache Dungeons-and-Dragons-Golem (Lehm, Stein, Fleisch, Eisen; TSR, 1977) sind direkte Nachfahren derselben Vorlage.

Ursprung

Das hebraeische golem (גולם) bezeichnet woertlich eine unformige Masse, einen Koerper, der noch keine Gestalt besitzt; der aelteste schriftliche Beleg ist Psalm 139,16. Die aelteste technische Darstellung der Erzeugung eines Koerpers durch Sprache findet sich im kabbalistischen Sefer Yetzirah (Buch der Schoepfung, um 200-500 n. Chr., babylonisch oder palaestinisch), das die kosmogonische Rolle der zweiundzwanzig Buchstaben des hebraeischen Alphabets darstellt. Der babylonische Talmud, Sanhedrin 65b (um 500 n. Chr.), berichtet, der Rabbi Rava (4. Jh.) habe aus Erde einen sprachlosen Mann gebildet. Die mittelalterlichen rheinlaendischen Frommen, die Hasidei Aschkenas, kodifizierten das Ritual im zwoelften und dreizehnten Jahrhundert: Eleazar von Worms (um 1176-1238) beschreibt in seinen Hilkhot Yetzirah (Statuten der Schoepfung, Oxford Bodleian Library MS Opp. 540), wie der Praktizierende einen Lehmleib formt, das Alphabet rezitiert und um die Figur kosmisch umschreitet. Der erste namentlich bekannte Schoepfer ist Rabbi Elija Ba'al Schem von Chelm in Polen (um 1550); sein Golem soll ueber ihn hinausgewachsen sein, sodass er den Buchstaben von der Stirn entfernen musste. Die beruehmteste Erzaehlung, die des Prager Golem, schreibt die Tat dem mit dem Akronym MaHaRaL bekannten Rabbi Jehuda Loew ben Bezalel von Prag (1525-1609) zu, der in der Zeit Kaiser Rudolfs II. die juedische Gemeinde gegen Blutluegen-Verfolgung schuetzen wollte; diese Geschichte zirkulierte muendlich bis 1909, als der in Polen geborene Rabbi Yudl Rosenberg sein Niflaos Maharal (Warschau) als angebliche Erinnerungen des Schwiegersohns des Maharal aus dem sechzehnten Jahrhundert veroeffentlichte. Gershom Scholem hat in Major Trends in Jewish Mysticism (Schocken Books, 1941, Kap. 5) den Aufbau dieser pseudepigraphischen Erfindung wissenschaftlich aufgearbeitet.

Merkmale

  • Material — ueberlieferungsgemaess Flusslehm; spaetere Tradition: Stein, Eisen und Fleisch (die vier kanonischen D&D-Golem-Typen)
  • Aktivierungsritual — Einritzen von emet ('Wahrheit' im Hebraeischen, die Buchstaben aleph-mem-tav) auf die Stirn, oder Legen eines Pergaments shem (mit dem Gottesnamen) in den Mund, waehrend der Praktizierende die zweiundzwanzig hebraeischen Buchstaben rezitiert
  • Deaktivierung — Loeschen des ersten Buchstabens aleph aus emet, sodass met ('Tod', mem-tav) bleibt; der Golem zerfaellt in Lehm
  • Kein freier Wille, keine Sprachfaehigkeit (Talmud, Sanhedrin 65b); der Golem folgt Befehlen woertlich und ist deshalb nuetzlich und zugleich gefaehrlich
  • In der fuenften D&D-Edition stehen die vier Typen bei Herausforderungsgrad 9 (Lehm), 10 (Stein), 5 (Fleisch) und 16 (Eisen) mit Magie-Immunitaet als gemeinsamem Merkmal

Geschichten

Der Golem ist die kanonische Gestalt des willenslosen Dieners — Hausarbeit, Studiengesellschaft, Synagogenwart und Nachtwaechter bedraengter juedischer Gemeinden. Der talmudische Rava liess seine sprachlose Figur als Arbeiter; der Chelmer Golem des sechzehnten Jahrhunderts versah Hausarbeit; der Prager Golem des Rabbi Loew patroullierte nachts durch das Ghetto. Die Abwesenheit des Willens ist zwiespaeltig: perfekte Gehorsamkeit, doch eine Auslegung des Befehls nach dem Buchstaben mit allen sich daraus ergebenden Gefahren. Mary Shelleys Frankenstein (Lackington, 1818) ist der saekulare romantische Nachfahre; Karel Capeks R.U.R. (Aventinum, Prag, 1921), das der Welt das Wort Roboter schenkte, raeumte die golemische Abstammung ausdruecklich ein (Capeks Interview im Lidove noviny 1933). Gary Gygax' Dungeons & Dragons setzte mit dem Greyhawk-Supplement (TSR, 1975) und dem AD&D Monster Manual (TSR, 1977) den vierfachen Golem (Lehm, Stein, Fleisch, Eisen) als Standardform. Die Figur ist Bestandteil von Magic: The Gathering, Final Fantasy, Pokemon (Golem, 1996), Terry Pratchetts Discworld Feet of Clay (Victor Gollancz, 1996) und Michael Chabons The Amazing Adventures of Kavalier & Clay (Random House, 2000), das im Jahr 2001 den Pulitzer-Preis fuer Belletristik erhielt.

Schwäche

Die entscheidende Schwaeche des Golem ist die Umkehrbarkeit seines Aktivierungsrituals. Das Loeschen des aleph aus emet hinterlaesst met, und die Figur zerfaellt zurueck in Lehm (Eleazar von Worms im zwoelften Jahrhundert; Rosenbergs Neuerzaehlung 1909). Das Entfernen des Pergaments shem aus dem Mund hat denselben Effekt. Die Abwesenheit des freien Willens fuehrt dazu, dass der Golem Befehle woertlich versteht; das ist die stehende Gefahr jeder Erzaehlung — sowohl der Chelmer als auch der Prager Golem wurde gefaehrlich und musste vom Schoepfer abgeschaltet werden. Religioes ist der Schoepfungsakt selbst gefaehrlich: die kabbalistische Hauptstroemung (Eleazar von Worms, Hilkhot Yetzirah) behandelt die formelhafte Erzeugung eines Leibes als beinahe einen Eingriff in das goettliche Vorrecht, und die strenge Orthodoxie sieht Golemschaffen als Blasphemie an. In der fuenften D&D-Edition haben alle Golem-Varianten Magie-Immunitaet, sind aber jeweils gegen bestimmte nichtmagische Waffen und gegen einen 'Berserk'-Zustand verwundbar, in dem sie sich gegen Verbuendete wenden koennen.

Kulturelle Bedeutung

Die Golem-Legende ist in den Jahrhunderten juedischer Verfolgung verwurzelt, die sie hervorgebracht haben. Michael Chabons The Amazing Adventures of Kavalier & Clay (Random House, 2000) beginnt damit, dass der Prager Golem 1939 in einem Sarg aus dem nationalsozialistisch besetzten Prag herausgeschmuggelt wird, und setzt dieses politische Gewicht in das Herz des Romans. Gustav Meyrinks expressionistischer Roman Der Golem (Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1915) deutete das Prager Ghetto als modernistischen Horror, und Paul Wegeners Stummfilm Der Golem (Bioscop, 1915) und sein Prequel Der Golem, wie er in die Welt kam (1920) lieferten die heutige bildliche Vorstellung. Jorge Luis Borges' Gedicht El Golem (1958, in Sur 263) ist eine der raffiniertesten literarischen Aufnahmen juedischer Mystik in der lateinamerikanischen Literatur. Als Karel Capek 1921 in R.U.R. das Wort Roboter einfuehrte, erklaerte er in einem Interview im Lidove noviny von 1933, er habe den Golem genommen und industrialisiert; das gesamte semantische Feld des heutigen Roboter-Begriffs leitet sich davon ab. Die Figur bleibt in Minecrafts Eisengolem (2011), in Pokemons Golem (1996) und in Terry Pratchetts Feet of Clay (Gollancz, 1996) bis heute fest verankert.

In der Popkultur

Psalm 139,16 (komponiert um das 5. Jh. v. Chr.) — aelteste belegte Verwendung des hebraeischen golemSefer Yetzirah (Buch der Schoepfung, um 200-500 n. Chr., babylonisch oder palaestinisch) — kabbalistische Grundlage des SchoepfungsritualsBabylonischer Talmud, Sanhedrin 65b (um 500 n. Chr.) — Ravas LehmmannEleazar von Worms, Hilkhot Yetzirah (um 1180-1238; Oxford Bodleian Library MS Opp. 540) — kanonisches Golem-RitualRabbi Elija Ba'al Schem von Chelm (taetig um 1550, Polen) — erster namentlich bekannter SchoepferYudl Rosenberg, Niflaos Maharal (Warschau, 1909) — pseudoepigraphische Quelle des Prager-Golem-KanonsGustav Meyrink, Der Golem (Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1915) — modernistische NeufassungPaul Wegener (Regie), Der Golem, wie er in die Welt kam (Bioscop, 1920) — definitive BildvorlageKarel Capek, R.U.R. (Aventinum, Prag, 1921) — Ursprung des Wortes Roboter, ausdruecklich aus der Golem-TraditionGary Gygax, Advanced Dungeons & Dragons Monster Manual (TSR, 1977) — vierfacher Golem-Standard

Trivia

  • Die hebraeischen Worte emet (Wahrheit, aleph-mem-tav) und met (Tod, mem-tav) unterscheiden sich um genau einen Buchstaben, das anfaengliche aleph; der eine Buchstabe trennt Leben und Lehm. Gershom Scholem liest dies in Major Trends in Jewish Mysticism (Schocken, 1941, Kap. 5) als direkten Ausdruck der kabbalistischen Lehre, dass die zweiundzwanzig Buchstaben des hebraeischen Alphabets die Welt aufbauen.
  • Rosenbergs Niflaos Maharal von 1909 gibt sich als Erinnerungen des Rabbi Yitzhak Katz aus, der im sechzehnten Jahrhundert als Schwiegersohn des Maharal gelebt habe; Forscher seit den 1960er Jahren, am wirkungsvollsten Arie Morgenstern in Israel Studies (1981), haben jedoch festgestellt, dass es sich um Rosenbergs eigene pseudepigraphische Erfindung handelt.
  • Als Karel Capek 1921 in R.U.R. das Wort Roboter einfuehrte — aus dem tschechischen robota, Zwangsarbeit — machte er die Verbindung zum Golem in einem Interview im Lidove noviny von 1933 explizit: 'Ich habe den Golem genommen und industrialisiert.' Das gesamte semantische Feld des heutigen Roboters entstammt dieser Verzweigung.
  • Michael Chabons The Amazing Adventures of Kavalier & Clay (Random House, 2000) beginnt damit, dass der Prager Golem 1939 in einem Sarg aus dem nationalsozialistisch besetzten Prag herausgeschmuggelt wird; in einem Interview im New Yorker im Jahr 2000 fuehrte Chabon die Szene auf seinen eigenen Grossvater zurueck, einen polnischen Juden, der in derselben Zeit floh.