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Zwerg

Dwarf · Volk des Berges — Schmiede, Bergleute, Runenmeister

Eine niedrig gewachsene, aber massig gebaute Rasse, die in Bergen und tief im Erdinnern grosse Reiche errichtet. Lange, dichte Baerte, schwerer Muskelbau, unuebertroffene Meisterschaft an Esse und in der Mine sowie eine fast religiose Verehrung von Gold, Eid und Sippenehre kennzeichnen sie. Die Figur stammt vom altnordischen 'dvergr' ab; die aeltesten Schriftzeugnisse finden sich in Snorri Sturlusons Prosa-Edda (um 1220) und im Codex Regius (um 1270), der die Voluspa und ihre Liste der Zwergennamen bewahrt. J. R. R. Tolkiens The Hobbit (Allen & Unwin, 1937) und The Lord of the Rings (1954-1955) machten die Zwerge zum exilierten Volk der Bergreiche; Dungeons & Dragons (TSR, 1974) erhob diesen Entwurf zum Standard der modernen Fantasy.

Ursprung

Das altnordische 'dvergr' (Plural dvergar) geht auf das urgermanische *dwergaz zurueck. In Snorri Sturlusons Prosa-Edda (Gylfaginning Kap. 14) entstehen die Zwerge wie Maden im Leib des Riesen Ymir, und die Goetter verleihen ihnen Gestalt und Verstand. Der Codex Regius (GKS 2365 4to, um 1270, heute im Arni-Magnusson-Institut in Reykjavik) bewahrt in der Voluspa, Strophen 9-16, das Dvergatal — ein Verzeichnis von mehr als siebzig Zwergennamen. Die Schaetze der Goetter — Thors Hammer Mjoelnir, Odins Speer Gungnir und Ring Draupnir, Freyrs goldener Eber Gullinbursti und Sifs goldenes Haar — werden in der Skaldskaparmal von den Soehnen Ivaldis und den Brueder-Meistern Brokkr und Eitri (oder Sindri) geschmiedet. Die Brueder Grimm liessen in Kinder- und Hausmaerchen Nr. 53 Schneewittchen (Erstausgabe 1812) sieben Zwerge als Bergleute auftreten; Walt Disneys Schneewittchen und die sieben Zwerge (1937) festigte diese Ikonographie. Im selben Jahr veroeffentlichte Tolkien The Hobbit (Allen & Unwin, 1937) und etablierte mit Thorin Eichenschild den Topos des im Exil lebenden Bergkoenigs. Gary Gygax uebernahm das Schema 1974 in der Erstausgabe von Dungeons & Dragons.

Merkmale

  • Wuchs von etwa vier bis fuenf Fuss (1,2-1,5 m), gedrungen und schwer muskulos
  • Unuebertroffene Faehigkeit in Schmiedekunst, Edelsteinarbeit, Bergbau und Runenarbeit
  • Steinerne Hallen in den Bergen: Erebor, Khazad-dum, Karak Ankor, Eisenschmiede
  • Tiefe Bindung an Gold, Eide und die Treue zu Sippe und Familie
  • Sprachen aus dem Altnordischen oder Tolkiens Khuzdul (vom Hebraeischen inspiriert), gegenueber Fremden gehueteter Besitz

Geschichten

In der nordischen Mythologie sind die Zwerge die unterirdischen Meister, an die sich selbst die Goetter um Auftrag wenden, und die Quelle der meisten genannten Goettergaben. Bei den Bruedern Grimm und im Disney-Film sind sie Bergleute und Beschuetzer. Tolkien praegte mit Thorin Eichenschild den Bogen vom exilierten Koenig zur Rueckeroberung der verlorenen Bergheimat; Gimli, Gloins Sohn, gehoert zur Gefaehrtenschaft des Rings. Richard Wagners Vierteiler Der Ring des Nibelungen (1869-1876) gibt ihnen mit Alberich und Mime ihre tragische Register von Goldgier. Seit Dungeons & Dragons sind sie verlaesslicher Krieger und Handwerker, gewoehnlich in Berg- und Huegelzwerge unterteilt.

Schwäche

Sturheit, eine besessene Bindung an Gold und das Unvermoegen, alte Kraenkungen ruhen zu lassen, sind die kennzeichnenden Schwaechen. Tolkiens Koenig Thror erlag dem Gold von Moria und weckte den Balrog; Thorin verfiel in The Hobbit derselben 'Drachenkrankheit'. Der Zwerg Andvari verflucht in der Voelsunga saga das ihm geraubte Gold und bringt das Geschlecht Sigurds zu Fall. Warhammers Buch der Grollnahme (Book of Grudges), in Warhammer Armies 1986 kodifiziert, schreibt fest: einmal eingetragenes Unrecht muss noch nach Jahrhunderten beglichen werden. Kurzwuchs und kurze Beine machen sie zu schlechten Reitern und Seefahrern.

Kulturelle Bedeutung

Der Zwerg verdichtet die vorindustriellen Berufsbilder von Bergmann und Schmied in einer einzigen Rasse; germanisch-keltische Bergwerksgeister wie die englischen coblynau und der deutsche Kobold teilen das Urbild. Die hoeflichen sieben Bergleute der Grimms (1812) und Disneys industriearbeiternahe Zwerge (1937) formten das moderne Bild. Tolkien erklaerte in den Briefen 156 und 176, dass er die Sprache Khuzdul vom Hebraeischen ableitete und die Zwerge als Diaspora-Volk angelegt habe, dessen Sprache vor Fremden verschlossen bleibt. Die Bronzebaerte, Wildhaemmer und Schwarzeisen-Sippen in Warcraft und Terry Pratchetts Zwerge der Sam-Vimes-Aera in Discworld variieren dieses Diaspora- und Zunftmotiv im einundzwanzigsten Jahrhundert.

In der Popkultur

Snorri Sturluson, Prosa-Edda (um 1220) — Gylfaginning Kap. 14, SkaldskaparmalCodex Regius (GKS 2365 4to, um 1270) — das Dvergatal der Voluspa; Andvari in der Voelsunga sagaBrueder Grimm, Kinder- und Hausmaerchen Nr. 53 Schneewittchen (Erstausgabe 1812)Richard Wagner, Der Ring des Nibelungen (Urauffuehrungen 1869-1876) — Alberich, MimeWalt Disney, Schneewittchen und die sieben Zwerge (1937)J. R. R. Tolkien, The Hobbit (Allen & Unwin, 1937) und The Lord of the Rings (1954-55) — Thorin, Gimli, Durin, Khazad-dumGary Gygax und Dave Arneson, Dungeons & Dragons Erstausgabe (TSR, 1974) — Berg- und HuegelzwergeGames Workshop, Warhammer-Zwerge in Warhammer Armies (1986) — Slayer, Buch der GrollnahmeBlizzard, Warcraft-Reihe (1994–) — Bronzebart-, Wildhammer- und Schwarzeisen-Sippe

Trivia

  • Die Namen der dreizehn Zwerge aus Tolkiens Hobbit (Thorin, Balin, Dwalin, Fili, Kili, Dori, Nori, Ori, Oin, Gloin, Bifur, Bofur, Bombur) sind nahezu woertlich aus dem Dvergatal der Voluspa im Codex Regius uebernommen.
  • Snorris Gylfaginning Kap. 14 vermerkt, dass die Zwerge in Stein und Erde leben und im Sonnenlicht zu Stein erstarren; daraus stammt das spaeter mit den Trollen geteilte Sonnenlicht-Motiv.
  • In Anhang F von The Lord of the Rings (1955) besteht Tolkien auf der Pluralform 'dwarves' anstelle des englischen Standards 'dwarfs'; seine Schreibung ist seither der Fantasy-Standard.
  • Die Namen der sieben Zwerge in Disneys Verfilmung von 1937 (Doc, Grumpy, Happy, Sleepy, Bashful, Sneezy, Dopey) finden sich bei den Bruedern Grimm nicht; sie stammen aus einer Buehnenadaption von 1912.